Szenischer Einstieg und Intro
Lay: Ein heißer Tag im Juli 1876.
Mädchen: Schau mal da drüben ist noch ein Strauch, da waren wir noch nicht.
Lay: Drei Mädchen sind im Wald, um Heidelbeeren zu pflücken, als sie plötzlich vom Angelusleuten der Kirche in ihrem Heimatdorf Marpingen überrascht werden.
***Glockengeläut in der Ferne***
Mädchen: Hörst Du? Komm, schnell nach Hause.
Lay: Die übrigen Dorfbewohner kehren von der Heuernte zurück und warten schon auf die Kinder.
Mädchen: MAMAAAAA!
***Stimmen der Dorfbewohner, die sich im moselfränkischen Dialekt unterhalten***
Mädchen im Laufen: Mama! Mama! Mama!
Lay: Irgendetwas hat sie aufgeschreckt. Sie berichten von einer weißen Gestalt, die ihnen im Wald begegnet ist. Die Dorfbewohner besprechen sich, wissen aber nicht so recht was sie davon halten sollten. Die Mutter eines der Mädchen ist sich fast sicher, was sie dort gesehen haben, gibt den Mädchen aber die Frage an die Hand, welche für einige Monate ein kleines Dorf in der tiefsten preußischen Provinz in den Fokus der Weltöffentlichkeit bringen wird.
Mutter: Wenn ihr sie wieder seht, fragt sie, wer sie sei…
***INTROMUSIK***
Lay: Salut, Glück auf und willkommen! Hier spricht die Kommission für Saarländische Landesgeschichte, mein Name ist Markus Lay und in unserem Podcast SaarZeiten geht es um die Geschichten hinter Orten, Akten und Menschen an Saar und Blies sowie der europäischen Großregion.
In jeder Folge nehmen wir Sie mit zu Schauplätzen der regionalen Geschichte: von Kohle und Stahl über Grenzkonflikte und Freundschaften bis zu Alltags- und Migrationsgeschichten. In dieser Folge sprechen wir über die Marienerscheinung in Marpingen vor 150 Jahren.
***INTROMUSIK***
Einführung
Lay: Dieses Jahr ist in der Tat vollgepackt mit Jubiläen. Neben der Gründung der Kommission jähren sich auch die Ereignisse rund um die erste Marienerscheinung von Marpingen. Allerdings werden diese doppelt so alt wie die Kommission. Bevor es aber nun um die Themen Volksfrömmigkeit im 19. Jahrhundert, den Kulturkampf und schließlich Marpingen 1876 gehen wird, möchte ich noch etwas ergänzen, was vielleicht in die erste Folge unseres Podcasts gehört hätte. Nämlich die Frage, für wen dieser Podcast überhaupt ist und was wir damit vorhaben. Wer die erste Folge schon gehört hat, weiß, dass wir vor allem eine wissenschaftliche Institution sind. Wir wollen aber nicht im Elfenbeinturm verharren und mit verschachtelten Sätzen die Leute in den Schlaf bringen.
Wenn Sie diesen Podcast beim Einschlafen hören sollten, ich wünsche eine angenehme Bettruhe. Wir hoffen, es wird nicht am Inhalt liegen.
Das heißt, wir versuchen den Spagat zwischen Wissenschaftlichkeit und Verständlichkeit zu schaffen, ganz im Sinne einer guten Wissenschaftskommunikation. Sprich, wir richten uns nicht ausschließlich an ein Fachpublikum, sondern auch an diejenigen, die sich allgemein für Geschichte interessieren. Spezifisch für die Geschichte der europäischen Großregion Saar-Lor-Lux. Das können Menschen sein, die in der Region leben und ihre alte oder neue Heimat besser kennenlernen möchten. Aber ebenso wollen wir diese Geschichte über die Grenzen der Region hinaustragen. Weil eben genau diese Grenzlage europäische sowie globale Geschichte im regionalen Kontext widerspiegelt.
Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, der ursprüngliche Plan war es, die Podiumsdiskussion vom 11. Juni 2026 in Marpingen-Alsweiler als Podcast-Episode zu verwenden, an der unter anderem Professor Dr. David Blackbourn teilnahm, der die Geschichte rund um die Marienerscheinung 1876 erst erforscht hat. So interessant die Diskussion war, man hat ein wenig Vorwissen benötigt. Den Mitschnitt der Podiumsdiskussion haben wir Ihnen auf dem YouTube-Kanal der Kommission zur Verfügung gestellt. Dort finden Sie übrigens auch unsere anderen Vorträge. Zur Vertiefung des Themas heute sind die Vorträge unserer Reihe zum Kaiserreich empfehlenswert. Dort hat unter anderem Christoph Nonn einen Vortrag gehalten. Auch im Sammelband zur Reformation an der Saar finden Sie unter anderem Beiträge zum Kulturkampf.
Auch von Maike Jung, die ich nun zu Gast habe und Ihnen vorstellen darf. Maike Jung lehrt und forscht am Lehrstuhl für neuere Geschichte und Landesgeschichte an der Universität des Saarlandes zu Volksfrömmigkeit in der Region im 19. Jahrhundert vor dem Kulturkampf, kennt sich aber auch mit diesem hervorragend aus. Das Thema begleitet Sie nunmehr seit der Bachelor- und Masterarbeit, in der Ihr einige Akteure begegnet sind, die uns heute ebenfalls begegnen werden.
Hallo, Maike.
Jung: Hallo, Markus.
Lay: Wir fangen an mit ein wenig Kontext. David Blackbourn hat auf die erste Frage unter anderem gesagt, dass er in seinem ersten Buch 1980 zur Zentrumspartei bemerkt hat, im Nachhinein, dass er der Religion zu wenig Beachtung geschenkt hat. Jetzt ist die Frage, seit wann beschäftigt man sich in den Geschichtswissenschaften eigentlich mit dem Thema Religion und Volksfrömmigkeit, also abseits der Kirchengeschichte?
Jung: Ja, also die deutsche Geschichtswissenschaft hat vergleichsweise spät angefangen, sich mit religiösen Phänomenen zu beschäftigen oder diese auch als erforschenswert ernst zu nehmen. Das hat sich tatsächlich erst zu Anfang der 80er-Jahre angefangen zu ändern, vor allen Dingen durch Impulse aus der französischen und dann auch aus der angelsächsischen Forschung, aber auch durch Impulse aus der Kulturanthropologie. Die sozusagen das Paradigma des Jahrhunderts der Modernität angefangen hat zu hinterfragen. Also bis in die 80er-Jahre hinein hat die deutsche Geschichtswissenschaft angenommen, dass im 19. Jahrhundert Religion und religiöse Phänomene an Bedeutung verloren haben, dass angesichts des Fortschritts der Moderne Religion abgenommen hat an Bedeutung und dass sozusagen diese Phänomene überhaupt nicht erforschenswert seien.
Kontext: Konfessionen
Lay: Das ist schon mal ein sehr guter Punkt. Wir greifen da im Prinzip schon etwas vor. Da werden wir gleich, glaube ich, noch mal genauer drauf zu sprechen kommen. Ich würde jetzt gerne allerdings noch einmal ein wenig Kontext liefern in dem Sinne, dass wir mal die Situation hier in der Region uns anschauen. Wir gehen jetzt nicht bis zur Reformation, schon gar nicht bis zu den alten Römern, aber dennoch muss die konfessionelle Verteilung hier an der Saar vielleicht einmal angesprochen werden. Also die konfessionellen Unterschiede sind wichtig. Die heutigen Verhältnisse sind vielleicht auch erwähnenswert. Das Saarland ist mit 74 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung das katholischste Bundesland, noch vor Bayern mit 66 Prozent und Rheinland-Pfalz mit 67 Prozent. Die Zahlen stammen von der Bundeszentrale für politische Bildung, ich glaube von 2018, also sind schon ein paar Jährchen alt. Es kann jetzt natürlich sein, dass durch Kirchenaustritte und so weiter sich diese Zahlen noch etwas korrigiert haben, aber ich denke im Gesamtergebnis werden sie gleich bleiben. Also das Saarland als das katholischste Bundesland in der Bundesrepublik. Wie ist das gekommen? Ja, wenn wir jetzt mal in die frühe Neuzeit zurückgehen, soweit wollen wir uns dann doch mal kurz wagen, haben wir es ja mit zwei hauptsächlichen Herrschaften zu tun, die später das Saarland dann ab 1947 spätestens prägen. Genau, also einmal haben wir die Herrschaft Nassau-Saarbrücken, die vor allen Dingen eben protestantisch ist. Wir haben in der frühen Neuzeit, um da jetzt mal ganz kurz Kontext zu bieten, den sogenannten Augsburger Religionsfrieden, der dann noch einmal bestätigt wird nach dem Dreißigjährigen Krieg im Westfälischen Frieden. Das heißt also, der Herrscher eines Territoriums bestimmt oder kann bestimmen, dass die Untertanen in seinem Territorium die gleiche Konfession haben wie er selbst. Das war in Nassau-Saarbrücken eben auch der Fall, also der Großteil der Bevölkerung war protestantischen Glaubens. Jetzt gab es noch eine andere Herrschaft, da weißt du besser darüber Bescheid?
Jung: Ja, das ist natürlich die, die auch heute noch die Region sozusagen maßgeblich prägt, nämlich das ist das ehemalige Kurfürstentum Trier oder auch Kurtrier, abgekürzt, genannt, in dem der Erzbischof gleichzeitig auch Kurfürst war, das heißt der kirchliche Oberherr war auch gleichzeitig weltliche Herr in diesem Territorium und entsprechend ist dieses natürlich katholisch geprägt bis heute. Das wird seine Existenz endet dann mit der französischen Revolution, dem Ausgreifen der französischen Revolution auf die linksrheinischen Gebiete.
Lay: Und in der französischen Revolution gibt es dann ja im Prinzip eine Religionsfreiheit?
Jung: Genau, aber keinen Kontinuitätsbruch, also die Region bleibt nach wie vor katholisch geprägt.
Lay: Zumindest was den Kurtrierischen Teil betrifft.
Jung: Richtig, ist dann aber natürlich dem Bistum Trier zugeordnet, das dann aber kleiner ist, beschnitten in seiner Größe.
Lay: Dann kommen die Preußen, das heißt wir haben mit dem preußischen Herrschaftshaus ein protestantisches Herrschaftshaus, das jetzt eben auch nicht nur in der Saarregion, sondern im gesamten rheinischen Gebiet, dann in der gegründeten Rheinprovinz, zu dem dann eben der größte Teil des heutigen Saarlandes gehört. Wie war es im bayerischen Teil? Da gab es jetzt weniger das Problem nehme ich an?
Jung: Genau, aber für die linksrheinischen Gebiete markiert hier der Wiener Kongress natürlich die entscheidende Zäsur insofern, dass durch die Gebietsveränderungen die linksrheinischen Gebiete eben zum Königreich Preußen zugeschlagen werden und somit die Bevölkerung im linksrheinischen zu einer konfessionellen Minderheit im neuen Staat wird, zu einer großen Minderheit, die fast ein Drittel der Bevölkerung stellt, aber dann natürlich dem sich als protestantisch verstehenden Königshaus gegenübersteht. Dadurch entstehen dann natürlich in der Folge auch zahlreiche Konflikte und Aushandlungsprozesse.
Lay: Dazu kommen wir gleich noch. Einen großen Einfluss eben auch auf die hauptsächlich protestantischen Gebiete an der Saar hat dann auch die Industrialisierung.
Jung: Die Industrialisierung führt natürlich zu einer Bevölkerungsverschiebung auch durch Migration, sodass dann Arbeiter mit ihren Familien vor allen Dingen aus dem Hunsrück und aus der Eifel, also aus katholisch geprägten Gebieten in die Industriereviere an der Saar ziehen, migrieren und das dann nochmal zu einer konfessionellen Verschiebung führt in diesen ehemals protestantischen Gebieten hin zu einer großen katholischen Mehrzahl. Also wir haben es hier mit der Verschiebung von konfessionellen Zugehörigkeiten oder konfessionellen Verteilungen zu tun.
Lay: Das führt natürlich auch zu Konflikten und Ängsten und der Zuzug eben von diesen katholischen Familien in diese Bergbauregionen spielte auch eine Rolle beim Siedlungsbau. Klaus Fehn hat das ganz schön aufgearbeitet. Er berichtet da auch von einem Brief des evangelischen Pfarrer Petersen aus St. Johann an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz 1856 und dieser Pfarrer Petersen befürchtet einen religiösen, moralischen und politischen Verfall in den Städten an der Saar durch den Bergbau. Die neu hinzu gezogenen katholischen Familien seien unsauber und wüssten sich nicht zu benehmen bzw. seien sogar teilweise kriminell. Es kam also so seine Behauptung immer wieder zu vermehrten Diebstählen. Er befürchtete eine Wiederkehr der Zustände von 1848, also den Revolutionsjahren natürlich, und sprach dann von einem Kalifornien im Kleinen. Damit meinte er die dortigen Probleme, also in Kalifornien, wegen des massiven Zuzugs von Menschen während des Goldrauschs. Ich denke, das mal als kleine Anekdote am Rande und auch bemerkenswert, wenn man sich dann heutige, teils populistische Debatten über Migration anhört.
Jung: Ja, maßgeblich für das Verhältnis zwischen den Konfessionen in diesem neu gegründeten oder diesem großen, im neuen Preußen nach 1815. In den linksrheinischen Gebieten ist dann eine Denkschrift des preußischen Kultusministers Freier von Altenstein, der Ende April Anfang Mai 1819 sich folgendermaßen äußert. Der preußische Staat ist ein evangelischer Staat und hat über ein Drittel katholische Untertanen. Das Verhältnis ist schwierig. Es stellt sich richtig dar, wenn die Regierung für die evangelische Kirche sorgt mit Liebe, für die katholische Kirche sorgt nach Pflicht. Die evangelische Kirche muss begünstigt werden, die katholische Kirche soll nicht zurückgesetzt werden. Es wird für ihr Bestes pflichtgemäß gesorgt. Und diese Aussage ist dann sozusagen eine Vorausdeutung auf die kommenden Jahre, dass die beiden Konfessionen aufeinandertreffen in diesem Staat.
Kontext: Frömmigkeit
Lay: Das ist ja auch schon eine sehr bemerkenswerte Quelle, wie ich finde. Du hattest vorhin auch gesagt, also die Geschichtswissenschaft hat sich erst spät mit dem Thema überhaupt beschäftigt. Man hat vom 19. Jahrhundert gesprochen als säkulares Jahrhundert. Das kommt in der Podiumsdiskussion auch zum Tragen. Das ist dort auch Thema. Gehen wir jetzt an dieser Stelle mal ein wenig drauf ein. Also ich nehme an, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, die Geschichtswissenschaft ist eigentlich davon ausgegangen, dass dieses ganze Religionsthema, die Frömmigkeit, der Wunderglaube während der Aufklärung so ein bisschen abnimmt und auch eben durch die Französische Revolution, die Ideen der Aufklärung nochmal weitergetragen werden. Und ich meine, man sprach auch lange dann, als das Thema wieder aufgegriffen worden ist von einem Religious Revival im 19. Jahrhundert, dass dieser Wunderglaube wieder kommt. Gab es eigentlich ein solches Religious Revival oder war das eigentlich nie weg? Wie ist denn der Stand der Forschung jetzt?
Jung: Ja, über die Frage eines Auflebens von Religion und Volksfrömmigkeit ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Darüber streitet die Forschung nach wie vor. Darüber gibt es auch eine lebhafte Debatte. Denn es stellt sich die Frage, ob vor allen Dingen im ländlichen Bereich der Großteil der Bevölkerung nicht vielleicht viel eher an ihren vielfältigen Formen, Bräuchen und Ritualen der Volksfrömmigkeit festgehalten hat und sozusagen nur die Amtskirche eine Abkehr von diesen Ritualen gefordert hat oder ob es tatsächlich nicht so verhalten hat, dass nach oder in der Folge von französischer Revolution und Säkularisation tatsächlich ein Bruch einsetzt, der zu einer Abnahme von Frömmigkeit führt und dann, ob es dann ein neues Aufleben gibt. Vieles spricht dafür, dass der Großteil der Bevölkerung tatsächlich an den zahlreichen Kulten der Volksfrömmigkeit festgehalten hat. Zum Beispiel die Quellen sprechen über das gesamte Jahrhundert hinweg eigentlich davon, dass zu Maria Lichtmess Kerzen gesegnet wurden oder dass zu anderen Festen in der Volksfrömmigkeit Kräuter gesegnet wurden, denen dann unheilabwendende Wirkungen zugesprochen wird. Das bedeutet, dass eigentlich vor allen Dingen im ländlichen Bereich nach wie vor religiöse Feste das Jahr, aber auch die Tagesabläufe strukturiert haben.
Lay: Das heißt, man kann davon ausgehen, dass die Pfarrer vor Ort in diese Rituale mit eingebunden waren, aber der Bischof in Trier, sag ich jetzt einmal, eher das nicht wollte.
Jung: Genau darin liegt dann der Wandel tatsächlich. Dass die Amtskirche diese vielfältigen Rituale und Bräuche dann aufnimmt, sie kirchlich aufwertet und sie auch noch mal in neue Zusammenhänge einbindet. Weswegen eigentlich der Begriff der popularisierten Religion oder der popularisierten Bräuche viel eher greift als der Begriff der Volksfrömmigkeit.
Vorgeschichte: Der Mischehenstreit
Lay: Einer der ersten Konflikte, die es gab, war die Misch-Ehen-Frage, bei dem auch der Trierer Bischof Arnoldi mitgewirkt hatte. Es ging dann so weit, es kam dann zu den sogenannten Kölner Wirren, wo dann auch der Kölner Bischof sogar eingesperrt wurde. Die Misch-Ehen-Frage ist jetzt eine etwas kompliziertere. Vielleicht kannst du es verkürzt darstellen, jetzt nicht… Ja, also wir werden es alle nachsehen, wenn es jetzt nicht wissenschaftlich die perfekte Definition ist, aber wobei handelt es sich denn grob bei der Misch-Ehen-Frage?
Jung: Ja, also der, wie gesagt, der preußische Kultusminister sagte, das Verhältnis zwischen den Konfessionen ist schwierig und dass dieses schwierige Verhältnis bricht zum ersten Mal offen zutage in den 1830er-Jahren und entzündet sich dann eben vor allen Dingen an der Frage der Behandlung der gemischt-konfessionellen Ehen. Diese Frage kommt auf die Tagesordnung, weil sich natürlich viele preußische Soldaten im Rheinland befinden, preußische Beamte, die dann nicht selten Ehen eingehen mit Katholikinnen aus der Rheinprovinz. Und die Frage, wie die Kirche diese gemischt-konfessionellen Ehen behandelt, führt dann zu einer ersten Auseinandersetzung, die dann in den sogenannten Kölner und Trierer Wirren gipfelt und letztendlich zur Verhaftung des Kölner Erzbischofs auch führt.
Lay: Also es ging bei dieser Misch-Ehen-Frage auch um die Kindererziehung?
Jung: Genau, den gesetzlichen Rahmen hatte in Preußen zunächst das allgemeine Landrecht von 1794 gesteckt, das gemischt-konfessionelle Ehen unter der Prämisse erlaubte, dass Söhne aus diesen Ehen der Konfession des Vaters, die Töchter der Konfession der Mutter, entsprechend erzogen werden. 1803 verfügte der preußische König Friedrich Wilhelm III., dass prinzipiell alle Kinder nach der Konfession des Vaters zu erziehen seien. In der Rheinprovinz wurden aber traditionell nur gemischt-konfessionelle Ehen geschlossen, wenn die Eheleute zusicherten, alle Kinder nach der katholischen Konfession zu erziehen. Im Rahmen von allgemeinen Rechtsvereinheitlichungen zwischen Ostpreußen und Westpreußen dann ordnete, wie gesagt, Friedrich Wilhelm III. die grundsätzliche Erziehung nach der Konfession des Vaters an. Das Ganze sollte also auch auf die preußische Rheinprovinz erweitert werden. Und diese Vorgabe des Königs beinhaltete auch das Verbot für katholische Geistliche, anders lautende Versprechen der Brautleute einzufordern. Das Ganze stellte somit also auch einen schwerwiegenden Eingriff in die kirchliche Praxis dadurch, dass der König eben den Geistlichen nun Vorgaben machte. Eine solche Handhabung bedeutete für die linksrheinischen Gebiete, in denen Mischehen vorwiegend zwischen katholischen Frauen und protestantischen Männern geschlossen wurden, dass entsprechend der Vorgaben des Königs aus diesen Ehen dann maßgeblich Kinder der protestantischen Konfession hervorgehen würden. Die katholische Kirche auf der anderen Seite befürchtete durch diese Regelung eben eine Protestantisierung der Region und Eingriffe in das religiöse Leben. Die rheinischen Bischöfe dürfen nicht frei mit Rom kommunizieren, dürfen nicht frei mit dem Papst kommunizieren in dieser Zeit, sondern sie brauchen jedes Mal das Plazet des Königs für eine Frage an Rom zu stellen und diese Regelung gehen sie und dadurch entsteht der Konflikt. Was man in jedem Fall glaube ich sagen kann, ist, dass dieses Kölner und Trierer Ereignis schon eine erste Vorausahnung des späteren Kulturkampfes ist, das erste Aufeinandertreffen zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche, ein erstes Kräftemessen, wenn man so will. Und die Solidaritätsbekundungen mit dem Kölner Erzbischof sind international zu hören und ist auch das erste Mal, dass die Kirche die linksrheinische katholische Bevölkerung in einem großen Maße für sich mobilisieren kann.
Lay: Und wann genau war das mit diesen Kölner Wirren?
Jung: Also der Konflikt schwelt die ganzen 1830er Jahre über, gipfelt dann aber 1837 in der Verhaftung des Kölner Erzbischofs. Dieser Mischehenstreit und die sogenannten Kölner Wirren haben dann auch Auswirkungen auf das Trierer Bistum, denn der Trierer Bischofsstuhl ist vakant und es kommt zu einer neuen Bischofswahl, in der der bis dahin der wichtigste Domprediger in Trier Wilhelm Annoldi zum Bischof gewählt wird. Und obwohl er mit absoluter Mehrheit der Stimmen gewählt wird, weigert sich der preußische König, ihn als Bischof anzuerkennen. Dies deshalb, weil Arnoldi im Mischehenstreit ganz klar auf der Seite der katholischen Kirche gestanden hat und die Trierer Wahl deshalb in Berlin als Provokation empfunden wird. Der König verweigerte also sein Plazet, das Trierer Domkapitel weigerte sich erneut zu wählen und der Trierer Bischofsstuhl blieb in der Folge dann weiterhin unbesetzt. Der Trierer Bischofsstuhl bleibt dann auch über Jahre hinweg unbesetzt. Erst nach dem Tod Friedrich Wilhelms III. und der Thronbesteigung dann Friedrich Wilhelms IV. wird eine erneute Wahl möglich und zwar 1842 und dann wird Wilhelm Arnoldi tatsächlich zum Bischof von Trier gewählt.
Lay: Und der Mischehenstreit ist dann auch beigelegt. Wie einigt man sich?
Jung: Der Staat überließ der Kirche die Regelung des Umgehens mit gemischt-konfessionellen
Ehen und in der Folge dieser Streitigkeiten wurde dann auch im preußischen Kulturministerium,
im Kultusministerium eine Abteilung für katholische Kirchenangelegenheiten eingerichtet,
sodass man hier dann von einer gewissen Entspannung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat
danach ausgehen kann, zumindest für eine gewisse Zeit.
Vorgeschichte: Trierer Wallfahrt von 1844
Lay: Da kommen wir dann auch später hin. Es gibt aber noch ein paar andere Ereignisse, die vielleicht vom preußischen Staat als Provokation aufgenommen worden sind oder zumindest die Behörden alarmiert haben, das vielleicht auch vorausgeschickt, weil Marpingen ja auch zu Eskalationen führte, wobei wir uns da ja im Kulturkampf befinden, aber ohne jetzt zu weit voraus zu eilen, mal noch mal zurück in die 40er-Jahre, die Heilig-Rock-Wallfahrt von 1844, was kannst du denn ganz grob darüber sagen? Was war da los und wie hat der preußische Staat das Ganze aufgefasst?
Jung: Ja, also Wilhelm Arnoldi wird wie gesagt 1842 dann zum Bischof von Trier gewählt und eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Organisation einer Heilig-Rock-Wallfahrt, die dann 1844 stattfinden soll. Das Besondere an dieser Heilig-Rock-Wallfahrt ist vor allen Dingen ihre Organisationsform. Jeder Pfarrei im Bistum und darüber hinaus wird ein Tag zugewiesen, an dem diese Pfarrei in geordneter Prozession in Trier einziehen darf, die Reliquie besuchen darf und dann wieder aus der Stadt auszieht, also eine stark durchorganisierte Veranstaltung, die aber zu einem oder zu dem größten Massenereignis des Vormärz wird. Hinsichtlich der BesucherInnenzahlen gehen die Zahlen stark auseinander, man spricht zwischen 250.000 oder einer halben Million Besucherinnen und Besuchern in Trier, aber nichtsdestotrotz, also egal von welcher der beiden Zahlen man ausgeht, ist es ein veritables Massenereignis.
Lay: Ja, vielleicht auch noch mal in den Kontext zu setzen, wir sprechen natürlich auch von einer deutlich geringeren Bevölkerungszahl in dieser Zeit und sowas wie Massentourismus gab es natürlich auch nicht.
Jung: Und Trier hatte noch keinen Bahnhof.
Lay: Und Trier hatte noch keinen Bahnhof, ja, also die Leute sind zu Fuß dorthin gereist, per Pferd oder per Kutsche diejenigen, die es sich leisten konnten, aber die einfachen Leute sind wahrscheinlich zu Fuß dorthin gepilgert.
Jung: Das Pilgern zu Fuß war die übliche Variante, das berühmteste Gemälde zur Heiligrockwallfahrt
von Lasinsky zeigt auch genau dieses, eine Prozession mit dem Pfarrer an der Spitze,
die über die Mosel hinweg Trier schon sehen können und unter der Fahne Marias dann auch
dahin pilgern.
Lay: Da haben wir sie schon, Maria. Wie hat der preußische Staat darauf reagiert auf diese Heiligrockwallfahrt?
Jung: Ja, die Organisationsform dieser Wallfahrt war darauf ausgelegt, Pilgerströme regelrecht zu kanalisieren, also es gab ein Wallfahrtsbüro zur Koordinierung und Organisation der Veranstaltung, es gab zugewiesene feste Termine des Besuchs und das Hauptanliegen der Bistumsverwaltung, aber auch des Staates, war das Waren von Ruhe und Ordnung, und beide Seiten stimmen hierin überein und führen das entsprechend auch durch, der Staat beobachtet die Veranstaltung zwar sehr genau, schreitet allerdings nicht ein.
Lay: Also es ist auch so abgelaufen, wie es geplant war, also auch dieser Massenzustrom war im Prinzip kanalisiert. Das ist jetzt nicht so, dass gesagt worden ist oder es hat sich herumgesprochen, der Heiligrock wird ausgestellt und plötzlich kommen aus der Umgebung und vielleicht überregional einfach die Massen her, diejenigen, die davon hören. Also das war nur sozusagen auf Einladung dann, also hat das funktioniert, ist die Frage.
Jung: Das hat funktioniert. Die Bistumsleitung weist oder wies jeder Pfarrei des Bistums zwei Termine zu, an denen die Gläubigen zu einer bestimmten Uhrzeit in geordneter Prozession in den Dom einziehen sollten. Die übrigen Tage blieben dann Wallfahrtsprozessionen aus anderen Diözesen vorbehalten, aber auch dort wurde ähnlich verfahren mit einem bestimmten Termin und einer Uhrzeit, um spontane Besuche zu verhindern tatsächlich.
Vorgeschichte: Die Verehrung von Maria und Mariensäulen
Lay: Ah, sehr gut. Okay, das wird später auch nochmal relevant für Marpingen, da wird es nämlich etwas anders werden. Gut, also das war eine einvernehmliche Veranstaltung, wurde aber sicherlich auch in der liberalen Presse entsprechend kritisch kommentiert. Gehen wir jetzt mal davon aus. Jetzt gab es noch ein paar andere Dinge, die vor Marpingen passiert sind in der Region, und zwar ein Thema, mit dem du dich auch gut auskennst, der Bau von Mariensäulen. Wir haben auch die Mariensäule in Trier, die 1859, glaube ich, da wurde der Bau begonnen und 1866 wurde er abgeschlossen. Also das heißt, hier wieder eine besondere Verehrung Marias, wie ist das zu verstehen? Wir befinden uns ja da jetzt noch in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat einigermaßen entspannt war, aber war das als Provokation zu verstehen, beziehungsweise wie wurde es von den preußischen Behörden aufgenommen?
Jung: Am 8. Dezember 1854 verkündete Papst Pius IX. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias. In diesem Dogma heißt es, dass die Gottesmutter vom ersten Moment an ihrer Existenz von der Erbsünde frei war. Das war also ein neuer kirchlicher Lehrsatz und wurde durch die Entscheidung Papst Pius IX. nun zum Lehrsatz der katholischen Kirche. Und diese Entscheidung Papst Pius IX. motiviert überall in Europa zur Errichtung von Mariensäulen, also von solchen Monumenten, die die Gottesmutter auf einer Säule darstellen. Die Trierer Mariensäule wird 1866 eingeweiht und anlässlich ihrer Einweihung hält Weihbischof Matthias Eberhard die Festrede und er beginnt mit den Worten: Dieses Bild macht gegen niemanden auf der Welt eine Demonstration. In der Folge verwendet er dann auch viele Wörter darauf, dass es sich hierbei um ein rein religiöses Denkmal handelt, was direkt natürlich ein Fragezeichen aufwirft. Vor allen Dingen angesichts der immensen Höhe dieser Trierer Mariensäule, die von Weithin sichtbar ist und sozusagen über der Stadt schwebt, ja, verwandt er schon einige Mühe darauf, den religiösen Charakter dieses Denkmals hervorzuheben. Sicher ist natürlich, dass Trier Schauplatz von diversen Auseinandersetzungen war zwischen Kirche und Staat über die Jahre hinweg und dass die Größe dieses Denkmals durchaus darauf hindeutet, dass hier ein konfessionelles Bekenntnis in Stein gehauen wurde.
Lay: Die Motivation ist schon zu einem großen Teil auch das religiöse Bekenntnis.
Jung: Es ist das religiöse Bekenntnis, es ist aber vor allen Dingen ein konfessionelles Bekenntnis, in dem die Marienfigur natürlich als Unterscheidungszeichen dient zwischen protestantischer und katholischer Konfession und in der Erweiterung natürlich dann zwischen den linksrheinischen Gebieten und dem protestantischen Herrscherhaus.
Lay: Okay, also wir haben jetzt die Konfliktlinien schon mal aufgezeigt in einer anfänglichen, also wenn wir das in Phasen einteilen wollen, in einer anfänglichen, vielleicht etwas aufgeheizteren Zeit bis zur Thronbesteigung von Friedrich Wilhelm IV., da entspannt sich das Ganze wieder, aber dennoch gibt es eben, ja, durch die Demonstration konfessioneller Religiosität, konfessionellen, also katholisch-konfessioneller Symbole immer noch ein gewisses Zeichen und ich gehe auch mal stark davon aus, dass Katholiken als Minderheit immer noch nicht den Stand hatten, den beispielsweise Protestanten in staatlichen Augen hatten.
Jung: Ja, also katholische Religion und vor allen Dingen katholisch-konfessionelle Glaubensbekundungen wie Prozessionen, Wallfahrten, Reliquienverehrung galten den aufgeklärten Kräften des 19. Jahrhunderts, vor allen Dingen auch den Liberalen, als Aberglauben und als Zeichen von Rückständigkeit. Diese Vorstellungen wurden dann auf besonders katholische Regionen auch übertragen, die dann als besonders rückständig gezeichnet worden sind und dies waren vor allen Dingen natürlich die Gebiete an der Peripherie, die linksrheinischen Gebiete, die ländlich geprägt waren.
Vorgeschichte: Wunderglaube und Marienerscheinungen
Lay: Gut, das waren jetzt, was wir besprochen haben, Demonstrationen von konfessioneller Religiosität. Wie sieht es mit Wundern in dieser Zeit aus? Die Marienerscheinung von Marpingen gilt ja denjenigen, die daran glauben – das kann man schon vorwegnehmen, die katholische Kirche hatte ja nie als offiziell anerkannt, als tatsächliche Marienerscheinung – aber sie gilt eben denjenigen damals als Wunder. Eine Marienerscheinung per se ist ein übernatürlicher Vorgang und damit, laut Amtskirche, ein Wunder.
Jung: Die Möglichkeit von Wundern gab es im Katholizismus des 19. Jahrhunderts durchaus. Die erste bedeutsame Marienerscheinung im 19. Jahrhundert findet 1830 in der Pariser Rue-du-Bac statt, in der eine Nonne, Catherine Labouré, die Gottesmutter erschienen ist und während dieser Erscheinung forderte die Gottesmutter die Prägung einer Medaille. Nach Untersuchung und Feststellung der Wahrhaftigkeit dieser Erscheinung wurde diese Medaille dann auch, dieses Medaillon dann auch geprägt und über ganz Europa verbreitet. Das Medaillon zeigt Maria als unbefleckte Empfängnis auf der Vorderseite und wurde vor allen Dingen über die Bruderschaft des unbefleckten Herzens Marie zur Bekehrung der Sünder verbreitet und dieses Medaillon war vor allen Dingen deshalb so populär, weil es angeblich Wunder bewirken konnte. Die sogenannte Wundertätige Medaille wird dann zu einer Art Erkennungszeichen für Katholikinnen und Katholiken in ganz Europa und ist mit dem Glauben an Wunder verbunden, ganz eng.
Lay: Und an Wallfahrtsorten gibt es die auch heute noch?
Jung: Die gibt es auch heute noch zu kaufen.
Lay: Also 1830, diese Marienerscheinung ist auch offiziell anerkannt?
Jung: Das ist die erste offiziell anerkannte Es folgen dann weitere. 1846 erschien im französischen Bistum Grenoble die Gottesmutter. In diesem Ort La Salette sahen sie zwei Hirtenkinder und die Gottesmutter spricht zunächst im regionalen Dialekt dann in Französisch zu ihnen und La Salette wird sozusagen zum ersten Marienwallfahrtsort von nationaler Anziehungskraft in Frankreich ab 1846.
Lay: Beschränken sich diese Marienerscheinungen erst mal nur auf Frankreich oder…?
Jung: Marienerscheinungen gibt es übers 19. Jahrhundert hinweg eigentlich in ganz Europa. Allerdings ihren Anfang nehmen sie in Frankreich und die französischen Bischöfe verstehen es auch sehr gut diese Phänomene zu kanalisieren. Und man kann vielleicht sagen, dass die französische Kirche auch diesen Phänomen deutlich offener gegenübersteht, als es die deutsche Kirche tut.
Lay: Die Marienerscheinungen von Marpingen, zu der wir jetzt kommen werden, wird ja auch oder Marpingen selbst wird als das deutsche Lourdes bezeichnet in der Zeit beziehungsweise das ist eben auch ein Quellenbegriff, der sich in der Forschung so findet. Was heißt das denn? Was ist denn also für diejenigen, die es vielleicht nicht wissen, Lourdes, welche Bedeutung hat das?
Jung: Im Jahr 1858 erschien der damals 14-jährigen Bernadette Soubirou, die Gottesmutter in Lourdes, in der Grotte von Massabielle, und forderte die Freilegung einer Quelle, aus der dann heiliges Wasser entsprang, sowie die Errichtung einer Kapelle. Es folgten zahlreiche weitere Erscheinungen und es kam auch recht rasch zu ersten Heilungswundern oder zu der Erzählung von wundersamen Heilungen. Lourdes wurde in der Folge sehr rasch populär und bekannt eigentlich über ganz Europa hinweg und es ist nach wie vor der meistbesuchte Marienwallfahrtsort auf der ganzen Erde. Lourdes wird vor allen Dingen wegen der zahlreichen Heilungswunder dort sehr populär. Es wird zum Sehnsuchtsort für Katholikinnen und Katholiken in ganz Europa und man muss aber bedenken, dass natürlich die mit einer solchen Reise verbundenen Kosten bis in die französischen Pyrenäen für die allermeisten Menschen nicht erschwinglich waren. Und deswegen kommt es dann zur Errichtung von sogenannten Sekundärkultstätten. Man kennt es vielleicht, Lourdesgrotten, die die charakteristische Lourdes-Madonna, manchmal mit knien der Bernadette, manchmal ohne davor zeigen, sowohl im öffentlichen Raum als auch in Kirchen gibt es häufig und das war eben die Manifestation dieses Kultes um Lourdes für diejenigen, die nicht dorthin reisen konnten. Wichtig zu betonen ist aber, dass die Geschichte um Lourdes eigentlich allen Katholikinnen und Katholiken in Europa bekannt war. Die Zeitungen berichteten regelmäßig darüber, Pfarrer predigten über Lourdes, es gab fotografische Inszenierungen und Reiseberichte, Heilungsberichte, die eigentlich flächendeckend verbreitet worden sind. Und alle diese Berichte folgen einem ganz speziellen Schema, nämlich der Erzählung von Bernadette, die eben diese schöne weiße Dame sieht und sie dann fragt, wer sie ist. Die Erscheinung antwortet, sie sei die unbefleckte Empfängnis. Und diese Aussage ist es dann auch, die die katholische Kirche bewegt, die Erscheinung von Lourdes als wahrhaftig anzuerkennen, denn sie interpretieren es als die quasi himmlische Bestätigung des nur vier Jahre zuvor erlassenen Dogmas von der unbefleckten Empfängnis.
Vorgeschichte: Der Kulturkampf im Kaiserreich
Lay: Das heißt also, auch in Marpingen ist diese Geschichte bekannt, den drei Kindern wird diese Geschichte bekannt sein, die die Mutter Gottes im Härtelwald bei Marpingen gesehen haben sollen. Bevor wir jetzt, ich kündige das immer an, dass wir jetzt gleich zu Marpingen kommen. Ich will aber noch einen Punkt, der mir gerade eingefallen ist, der hier nicht auf meiner Liste steht, nochmal aufgreifen, weil der ist zentral und wichtig. Jetzt haben wir 1858 in Lourdes diese Marienerscheinung, die europaweit, weltweit an Bekanntheit gewinnt unter Katholikinnen und Katholiken. Jetzt findet die Marienerscheinung in Marpingen 1876 statt. Fünf Jahre zuvor ist das Deutsche Kaiserreich gegründet worden und mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs flammen die Konflikte zwischen Katholiken und preußischem bzw. dann deutschem Staat noch einmal auf. Und wir sprechen hier von Kulturkampf. Und das ist ja auch ein Wort, das uns heute immer wieder begegnet, wobei dieser Kulturkampf, von dem wir im 19. Jahrhundert sprechen, zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche noch einmal etwas anderes ist. Kannst du ganz kurz sagen, worum es sich dabei handelt, Maike?
Jung: Ja, beim sogenannten Kulturkampf handelt es sich um eine Reihe von Gesetzen, die dazu gedacht waren, den Einfluss der Kirche auf das öffentliche Leben einzuschränken. Die ältere Forschung hat dabei hauptsächlich auf den Konflikt zwischen Bismarck und dem Papst abgehoben. Die neuere Forschung allerdings spricht von einem Jahrhundert der Kulturkämpfe, die überall in Europa ausbrechen, sodass man sagen kann, dass diese Staat-Kirche-Konflikte kein preußisches Spezifikum sind, sondern in diesen neu entstehenden Staaten immer wieder aufbrechen und eben die Frage des Einflusses auf das öffentliche Leben diskutieren.
Lay: Aber es geht immer um die katholische Kirche und den Einfluss des Papstes?
Jung: Es geht immer um die katholische Kirche und vor allen Dingen im preußischen Fall oder vor allen Dingen im Fall des neu gegründeten Kaiserreichs geht es dann natürlich auch um die Rolle des Papstes und seines Einflusses auf die Katholikinnen und Katholiken im Staat.
Lay: Also es gibt einen Konflikt eben im neu gegründeten deutschen Kaiserreich. Jetzt gibt es da ja auch ein erstes Parlament. Erstes ist jetzt vielleicht zu viel gesagt, wenn man 1848 sich betrachtet, aber in einem gemeinsamen deutschen Staat gibt es ein neues Parlament, den Reichstag. Auch wenn wir sehr, sehr weit von demokratischen Verhältnissen entfernt sind, ist es trotzdem ein erster Schritt auf dem Weg zur Mitbestimmung. Die Zentrumspartei gründet sich 1871 als erste katholische Partei. Wie ist denn, also wie ist der Blick Bismarcks bzw. dann des preußischen Staates auf diese Zentrumspartei bzw. was ist deren Zweck?
Jung: Naja, also Zentrumspartei ist die Ausprägung des politischen Katholizismus, wenn man so will, und natürlich auch die Interessensvertretung der Katholikinnen und Katholiken im neu gegründeten deutschen Kaiserreich, das ja große Anteile katholischer Einwohnerinnen und Einwohner hat. In der Wahl zum ersten deutschen Reichstag 1871 dann erringt die Partei mit 18,6 Prozent 63 Mandate und bildet somit die zweitstärkste Fraktion im Reichstag, ist also eine veritable politische Größe.
Lay: Also Bismarck versucht dann, den Einfluss dieser Zentrumspartei auch mit diesen Gesetzen einzuhegen, will dann den sogenannten Ultramontanismus bekämpfen. Kannst du vielleicht ganz kurz was zu dem Begriff sagen?
Jung: Ja, Ultramontanismus ist ein bisschen ein schwieriger Begriff. Er bezeichnet dem Wort laut einer Ausrichtung, ultra montes, also über die Berge hinweg die Orientierung der Katholikinnen und Katholiken an Rom und dem Papst. Zeitgenössisch ist er eine Art Kampfbegriff der Liberalen, die damit ausdrücken wollen, dass die Katholikinnen und Katholiken mehr oder weniger blind dem Papst folgen und deswegen vermeintlich national unzuverlässig seien. Fremdgesteuert, wenn man so will. Ultramontanismus ist aber auch eine stolze Eigenbezeichnung, die Katholikinnen und Katholiken für sich selbst verwenden, um zu sagen, dass sie eben besonders kirchentreu sind. Ist also ein Begriff, der von verschiedensten Richtungen verschiedentlich benutzt wurde und deswegen ist er sozusagen als Analysebegriff ein bisschen schwierig zu verwenden.
Marpingen: Der Beginn
Lay: Gut, also diese ganzen Gesetze gegen den Katholizismus führen im Prinzip dann genau zum Gegenteil, wie später auch bei den Sozialistengesetzen. Sie machen diese bekämpfte Minderheit erst groß. Die Zentrumspartei gewinnt glaube ich auch immer mehr Sitze im Parlament dann mit der Zeit. Also diese Gesetze werden glaube ich 1878 aufgehoben und der wirkliche Konflikt endet dann offiziell später. Aber 1876, Marpingen, findet noch zur Hochphase dieses Kulturkampfes statt. Wir haben also einmal den Aspekt Wunderverehrung, diese Marienerscheinung, Lourdes, das überall bekannt ist und auf der anderen Seite eben die Bekämpfung der katholischen Minderheit während des Kulturkampfes. Und das spielt natürlich jetzt auch für die Marienerscheinung in Marpingen eine nicht unerhebliche Rolle, um es mal vorsichtig zu formulieren. Zum Ort selbst, Marpingen, 1876. Kannst du sagen, was das sozial, wirtschaftlich für ein Ort war?
Jung: Ja, in Marpingen befinden wir uns an der Peripherie des preußischen Staates, in einem ländlichen Gebiet, in einem agrarisch geprägten Gebiet. Es ist ein verhältnismäßig kleiner Ort mit um die 2000 EinwohnerInnen, der, und das aber wichtig, zwar an der Peripherie des Staates lag, aber nicht von der Welt abgeschnitten war, sondern Informationen durchaus auch in Marpingen angelangten, sei es durch Händler, durch Reisende oder eben auch durch Erzählungen und Predigten. Darauf kommen wir dann gleich.
Lay: Ja, und natürlich auch durch die Menschen im Ort. In der Podiumsdiskussion ist, glaube ich, auch gesagt worden, es gab 400 Bergleute im Ort selbst. Die Gruben waren jetzt natürlich nicht in Marpingen selbst oder in der näheren Umgebung. Das heißt, die Bergleute sind gependelt zu diesen Orten. Ich nehme mal an, da werden auch in diesen Orten Informationen aufgenommen worden sein, verbreitet worden sein. Also auch da gibt es eben einen Informationsaustausch. Die drei Seherinnen. Katharina Hubertus, Susanna Leist und Margaretha Kunz heißen sie. Achtjährige Mädchen, was berichten die denn anfänglich genau, was sie dort im Wald gesehen haben?
Jung: Sie berichten anfänglich davon, dass ihnen beim Heidelbeeren pflücken eine schöne weiße Dame erschienen sei.
Lay: Und die Erwachsenen, wie reagieren die im Ort? Also gibt es da Einigkeit, gibt es alternative Deutungen?
Jung: Ja, die reagieren sehr unterschiedlich. Allerdings, wesentlich ist die Mutter eines dieser Kinder, die die drei beauftragt, am nächsten Tag noch mal in den Wald zu gehen. Und wenn sie dann diese schöne weiße Dame noch mal sehen, dass sie sie dann fragen, wer sie ist. Weil, wenn diese Erscheinung sich als unbefleckte Empfängnis zu verstehen gäbe, dann wäre es die Mutter Gottes.
Lay: Also das heißt, wir haben hier im Prinzip genau das Drehbuch, wie in Lourdes auch.
Jung: Genau. Ähnlich wie in Lourdes oder genau wie in Lourdes gilt die Marienerscheinung nur dann als wahrhaftig, wenn sie sich eben als unbefleckte Empfängnis zu verstehen gibt. Und in Marpingen wird hier sozusagen dann dieses Narrativ, dass die Marpingerinnen und Marpinger sehr gut auch aus Predigten und Erzählungen und sicherlich auch aus frommer Erbauungsliteratur kannten, wird diese Geschichte von Lourdes eben reproduziert.
Lay: Also selbst wenn die Mutter jetzt nicht gesagt hat und wenn sie dann antwortet, sie sei die unbefleckt Empfangene, die Mädchen kannten diese Geschichte. Also die hätten auch wissen können oder wussten, welche Antwort sozusagen die richtige wäre, damit es tatsächlich auch eine Marienerscheinung ist.
Jung: Ja, also die Mädchen, sowohl die Mädchen als auch die Erwachsenen im Ort, kannten die Geschichte um Lourdes. Wir wissen, dass Pfarrer Neureuter über Lourdes und über Bernadette und über ihre Erscheinungen gepredigt hat. Es zirkulierten eine ganze Reihe von frommer Erbauungsliteratur und Traktaten. Also die Geschichte von Lourdes war präsent und bekannt und man wusste um die Bedeutung der unbefleckten Empfängnis.
Lay: Und der Pfarrer Neureuter, wie reagiert der denn auf diese ganze Geschichte? Kann man das sagen?
Jung: Pfarrer Neureuter hält sich am Anfang sehr stark zurück. Also er besucht auch den Härtelwald, also den Ort der Erscheinung zunächst nicht. Aber Pfarrer Neureuter scheint von Anfang an an die Echtheit der Ereignisse geglaubt zu haben oder an die Glaubhaftigkeit der Kinder auch. Und er befördert natürlich dann die Verehrungen in der Folgezeit, insofern er sie nicht als unwahr charakterisiert. Die Rolle des Klerus vor Ort ist insofern eine ganz wichtige bei allen Marienerscheinungen, weil nämlich wenn der örtliche Klerus in Gestalt des Pfarrers solche Erscheinungen für glaubhaft befindet, erst dann können diese Erscheinungen überhaupt zu größeren Ereignissen anwachsen. Wenn der lokale Klerus die Ereignisse als unwahr oder als Ergebnis einer Verschwörung bewertet, dann gehen diese Ereignisse meistens nicht weiter, sondern werden eben lokal schon unterdrückt.
Lay: Gut, also die Mädchen kriegen diesen Auftrag, gehen dann nochmal in den Wald nämlich an und stellen genau diese Frage, bekommen eine entsprechende Antwort. Was passiert denn dann in den nächsten Tagen, in den ersten Tagen und bei dieser zweiten Erscheinung, was diese Dynamik so sehr beschleunigt?
Jung: Ja, die Nachricht von der Erscheinung Marias in Marpingen verbreitet sich sehr rasch in der Region und darüber hinaus. Schon in der ersten Woche strömen Tausende nach Marpingen und das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Erscheinung sozusagen die richtige Antwort gegeben hat, indem sie sagt, sie ist die unbefleckte Empfängnis, wird eben Marpingen relativ schnell mit Lourdes gleichgesetzt, was dann auch zu Massenzuströmen führt.
Lay: Was erzählt denn diese Marienerscheinung dann den achtjährigen Mädchen? Also es kommen ja neue Elemente hinzu.
Jung: Ja, sie sagt, und das ist aber auch ein Stereotyp oder das wiederholt sich stereotyp bei fast allen Erscheinungen, sie sagt, die Kinder sollen beten und es soll eine Kapelle errichtet werden.
Lay: Ab wann kommen diese Aspekte der Wunderheilung hinzu?
Jung: Auch da ist recht rasch die Rede von ersten wundersamen Heilungen, auch und nicht zuletzt durch das Wasser der Quelle. Also im Marpinger-Härtelwald findet sich auch heute noch eine Quelle und das Wasser wird eben dann sozusagen zum Transportmittel des göttlichen Heils ähnlich, wie es in Lourdes auch der Fall ist.
Lay: Das heißt, die Leute strömen in Massen dorthin. Das muss ich erwähnen aus persönlichem Interesse. Das hat natürlich auch eine gewisse umwelthistorische Implikation, was, also oder ich frage dich, du kennst dich mit dem Thema dort besser aus. Was passiert denn dann mit dem Härtelwald?
Jung: Ja, also der Zustrom von Pilgerinnen und Pilgern, von Schaulustigen und Devotionalienhändlern ist enorm. Von 20.000 Menschen im Ort und 10.000 an der Erscheinungsstätte selbst ist die Rede und eben an dieser Erscheinungsstätte im Marpinger-Härtelwald beten und singen die Gläubigen nicht nur, sondern sie nehmen auch säckeweise Erde, Äste von Bäumen und Quellwasser mit, sodass der Ort an sich auch durchaus in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Lay: Woher kommen jetzt diese Pilger und wie kommt es dazu, dass die Strahlkraft dieses Ortes so weit über Marpingen in der gesamten Region hinaus strahlt?
Jung: Ja, die Gläubigen oder die Pilgerinnen und Pilger kommen zunächst aus der Region, relativ schnell aber auch darüber hinaus. Sie kommen aus dem Inland, sie kommen aber auch aus dem Ausland. Zurückzuführen ist das nicht zuletzt darauf, dass Marpingen eben solcherlei Parallelen zu Lourdes aufweist. Das ist der Grund für die anhaltende und zunehmende Popularität von Marpingen. Ja, man sollte vielleicht noch hervorheben, dass das Zusammenströmen von Menschenmassen nach einer solchen proklamierten Erscheinung durchaus keine oder durchaus nichts Besonderes war. Wir haben 1877 beispielsweise in Münchwies eine Erscheinung und auch dort gibt es wenige Tage später einen Menschenauflauf mit bis zu 4.000, 5.000 Personen. Das ist also erstmal nichts Besonderes, sondern das Besondere ist sozusagen, wie die preußischen Behörden auf Marpingen reagieren.
Marpingen: Die Reaktion des Staates
Lay: Das heißt, andernorts reagiert man dann auch anders, bevor wir jetzt auf konkrete Beispiele kommen. Wird das schon in diesen Anfangstagen zu dem sogenannten deutschen Lourdes oder kommt das erst später?
Jung: Die Parallelisierung zwischen Marpingen und Lourdes setzt eigentlich relativ von Anfang an ein. Vor allen Dingen aufgrund der offenkundigen Parallelen, aber auch dadurch, dass es natürlich so nah an der französischen Grenze liegt für Beobachterinnen und Beobachter aus dem Inneren Preußens sozusagen. Die Parallelisierung mit Lourdes wird aber auch dazu verwendet, die Gläubigen in Marpingen ein Stück weit zu diskreditieren, sie eben als Anhängerinnen und Anhänger eines internationalen Katholizismus zu brandmarken, der mehr französische Sympathien hat, als er nationale Deutsche hat.
Lay: Das hat natürlich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870-71 nochmal eine ganz besondere Implikation. Genau. So, nochmal wiederholt, man kann es nicht oft genug sagen, wir befinden uns eben in der heißen Phase des Kulturkampfes. Du hattest jetzt die Reaktion des preußischen Staates als Besonderheit schon angekündigt. Ich denke, man kann so viel sagen. Preußen reagiert wie gewohnt martialisch, schickt das Militär, erst einmal schießen. Fragen können wir dann im Nachhinein noch. Wann passiert das genau und wie wird das, also warum passiert das, wie wird das begründet, dass man da das Militär reinschickt?
Jung: Die Behörden, aber auch die Beamten vor Ort interpretieren die Ereignisse von Marpingen von Beginn an als Ergebnis einer Verschwörung. Einer Verschwörung der Dorfbewohner und sozusagen als Lügengeschichte, die hier große Kreise zieht. Und weil der Zustrom von Pilgerinnen und Pilgern eben nicht abnimmt, sondern stetig zu, entscheiden sich die preußischen Behörden, das Militär nach Marpingen zu entsenden, um den dort entstandenen Menschenauflauf zu zerstreuen. Und dann knapp eine Woche nach dem Initialereignis wird aus Saarlouis das Militär, eine Militäreinheit nach Marpingen entsendet, eben um diesen Auflauf zu zerstreuen. Das Militär geht vor Ort mit Gewalt vor. 60 verletzte Zivilisten sind die Bilanz dieser gewalttätigen Auseinandersetzung. Und der Härtelwald, also die Erscheinungsstätte, bleibt in der Folge abgesperrt. Es ist nicht mehr erlaubt, es ist den Bewohnerinnen und Bewohnern von Marpingen nicht mehr erlaubt, den Härtelwald zu besuchen oder zu betreten. Und die militärische Einheit bleibt für zwei Wochen in Marpingen stationiert. Diese Maßnahme allerdings ist nicht erfolgreich. In der Folge berichten Marpingerinnen von Marienerscheinungen im Dorf, in privaten Behausungen und in Stallungen. Also auch und obwohl der Härtelwald abgesperrt, abgeriegelt ist, gelingt es nicht, die Marienerscheinungen einzudämmen. Und auch der Zustrom von Pilgerinnen und Pilgern ist nachhaltig, anhaltend und zunehmend.
Lay: Um das Ganze noch mal vielleicht in einen Ablaufkontext zu setzen, also wir haben die erste Marienerscheinung am 3. Juli 1876, in dem eben die drei achtjährigen Mädchen diese weiße Gestalt sehen. Am 4. Juli kehren sie dann zurück in den Wald, kriegen dort eben auf die Frage hin, wer sie denn eigentlich sei. Die Antwort, ich bin die unbefleckt Empfangene. Und ja, die Antwort, sie sollen fromm beten. In den folgenden Tagen gibt es dann weitere Erscheinungen. Sie gehen weiter in den Wald, kriegen weitere Anweisungen, den Bau einer Kapelle. Sie lädt Kranke zu sich ein. Es wird auf die Quelle verwiesen, auf dieses heilungskräftige, wundertätige Wasser. Und das ist alles, das passiert eben alles in der ersten Woche. Und auch der Pilgerstrom, 20.000 Menschen im Dorf, das passiert im Prinzip alles nach einer Woche, also in den ersten Tagen. Und am 13. Juli, das heißt zehn Tage dann nach der ersten Erscheinung, ist eben dieser Militäreinsatz in Marpingen selbst, wo dieses Regiment oder die Soldaten, eher gesagt, aus Saarlouis kommen und den Härtelwald dann abriegeln. Das nur nochmal, um die Abläufe genau in den Kontext zu setzen. Wie geht es dann weiter? Welche Repressionen folgen denn für die Bewohnerinnen und Bewohner Marpingens? Und auch, was passiert mit den Seherinnen? Werden die einfach unbehelligt gelassen?
Jung: Um eben eine oder die vermeintliche Verschwörung aufzudecken, gehen die Behörden vor Ort mit aller Härte vor. Sie führen unzählige Vernehmungen und Verhöre durch. Der Marpinger Härtelwald bleibt, wie gesagt, abgeriegelt. Und das ist wohl der größte Eingriff: Die drei Seherkinder werden von ihren Familien getrennt und in eine sogenannte Besserungsanstalt nach Saarbrücken verwiesen. Je vehementer die staatlichen Maßnahmen werden, und das ist eigentlich ein interessanter Punkt, desto vehementer verweigern sich die Dorfbewohner und die Dorfbewohnerinnen den staatlichen Maßnahmen. Bei Verhören proklamieren sie, sie könnten sich nicht mehr genau erinnern. Sie demonstrieren also sozusagen selektive Amnesie und sie verweigern sich auch der Kooperation. Ganz besonders deutlich wird das in einem ganz besonderen Fall, weil nämlich eben die Untersuchungen nicht so recht vorankommen, entscheidet sich das preußische Innenministerium einen Geheimagenten nach Marpingen zu entsenden.
Lay: Der berühmt-berüchtigte James Marlow, besser bekannt als Freiherr von Meerscheid-Hüllesem. Ja, was hat es mit dem auf sich und wie reagieren die Leute auf ihn?
Jung: Ja, James Marlow oder besser gesagt Freiherr von Meerscheid-Hüllesem firmiert als irischer Reporter für den New York Herald und versucht die Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes zum Reden zu bringen.
Lay: Und als Ire ist er dann ja im Prinzip auch Katholik.
Jung: Genau, als Ire ist er Katholik und sollte insofern eben glaubhaft sein. Das Ministerium hoffte also, dass die Einwohnerinnen und Einwohner ihm ein besonderes Vertrauen entgegenbringen und ihm sozusagen offenlegen, was eigentlich wirklich in Marpingen vonstatten geht. Allerdings beobachtet Pfarrer Jakob Neureuter, wie James Marlow vor dem Marienbrunnen zum Gebet auf die Knie sinkt und hält daraufhin in seinem Tagebuch fest, dass James Marlow sich derart, ich zitiere, tölpelhaft und närrisch dranstellte, dass dieser als Katholik unglaubhaft sei. Relativ schnell also merken die Marpingerinnen und Marpinger, dass es nicht bei James Marlow weder um einen Katholiken noch um einen irischen Reporter handelt und auch gegenüber ihm halten sie Distanz und verraten nichts.
Marpingen: Die Reaktion der Kirche
Lay: Da sieht man, wie sinnvoll Rollenstudium vor einem solchen Einsatz ist. Und wie reagiert jetzt die Amtskirche darauf? Also der Bischof in Trier bzw. der ehemalige Bischof von Luxemburg hatte da ja eine Rolle gespielt.
Jung: Genau, normalerweise wäre die Amtskirche für die Untersuchungen solcherlei Vorkommnisse zuständig. Das ist aber in diesem Fall nicht möglich, weil der Trierer im Bischofsstuhl durch den Kulturkampf vakant ist und es also sozusagen keine Lokalkirche vor Ort gibt, die eine Untersuchung in die Wege leiten könnte. Im Nachgang und später dann führt Johannes Theodor Laurent, der ehemalige Bischof von Luxemburg, eine Untersuchung durch, kommt aber dann zu dem Ergebnis, dass die Marpinger Vorfälle nicht als glaubhaft einzuschätzen seien.
Lay: Auf welche Grundlage gibt er diese Einschätzung? Also nimmt er da die preußischen Berichte, die ja vor allen Dingen als Quellen vorliegen, also Polizeiberichte, Verhörberichte und so weiter und so fort? Oder führt er, lässt er eigene Untersuchungen durchführen?
Jung: Er lässt keine eigenen Untersuchungen durchführen, sondern er benutzt das vorhandene Material. Das sind die Verhöruntersuchungen, aber auch zum Beispiel Pfarrer Neureuters Tagebuch. Und er kommt maßgeblich zu diesem Schluss, weil den drei Kindern in Marpingen nicht nur die Gottesmutter erschienen ist, sondern auch der Teufel. Und man sollte bedenken, dass die Möglichkeit, eines Eingriffs des Teufels im 19. Jahrhundert durchaus glaubhaft war, durchaus eine Möglichkeit war und das Auftreten des Teufels hier sozusagen die Erscheinungen für die Kirche delegitimiert.
Lay: Das heißt also, die Begründung war zum Teil, wenn der Teufel tatsächlich den Mädchen erschienen ist, könnte das Ganze auch eine Illusion des Teufels gewesen sein.
Jung: Genau. Und Johannes Theodor Laurent, der ehemalige Bischof von Luxemburg, hat sich selbst dadurch hervorgetan, dass er in den 1840er Jahren einen aufsehenerregenden Exorzismus in der Luxemburger Kathedrale durchgeführt hat, der auch in ganz Europa für Aufmerksamkeit gesorgt hat, sodass er als eine Autorität in diesen Dingen auch gilt.
Lay: Und ist das nicht kritisiert worden, dass der Bischof Laurent die Mädchen nicht zumindest mal selbst interviewt hat oder hatte er gar keinen Zugriff darauf, weil sie in dieser Besserungsanstalt waren?
Jung: Man muss sagen, dass Laurent hier so eine Art Voruntersuchung durchführt. Das offizielle kanonische Verfahren sieht auch das Befragen der Seherinnen vor. Das war natürlich in diesem Fall dann nicht möglich. Und er macht, wie gesagt, das ist nur eine Voruntersuchung, um eben eine ordentliche kanonische Untersuchung, dieser sozusagen vorzugreifen.
Lay: Okay. Und wenn die durchfällt, dann hat es sich im Prinzip schon.
Jung: Genau.
Marpingen: Die Öffentlichkeit
Lay: Worüber wir jetzt noch nicht gesprochen haben, ist, wie dieser Fall in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. In der Presse in Deutschland, in der katholischen Presse, in der liberalen Presse, hatte das auch europaweit tatsächlich für Aufmerksamkeit gesorgt, weltweit. Was kannst du uns darüber sagen?
Jung: Der Fall ruft ein riesiges Medienecho hervor. Es gibt kaum eine Zeitung, eine Publikation, die sich damit nicht beschäftigt, sei es auf die eine oder sei es auf die andere Weise. Die Presselandschaft ist natürlich gespalten oder es gibt Presse entsprechend der politischen Ausrichtung und dementsprechend wird dann auch über Marpingen berichtet. Das bedeutet, die katholischen Publikationsorgane proklamieren relativ schnell die Parallelen zu Lourdes, sehen auch relativ schnell ein deutsches Lourdes am Horizont heraufziehen und bearbeiten vor allen Dingen die Frage, wie vehement der Staat hier gegen Marienerscheinungen vorgeht und legen auch den Fokus auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen und den Kulturkampf, während die antikatholischen Publikationsorgane vor allen Dingen den sogenannten Aberglauben hervorheben, sich über die Bevölkerung vor Ort lustig machen, sich über die vermeintliche Fremdsteuerung der Katholikinnen und Katholiken durch ihre Priester auslassen und nicht zuletzt unterstreichen, wie national unzuverlässig die Katholikinnen und Katholiken in diesem neu gegründeten deutschen Kaiserrecht denn seien.
Lay: Es gab auch prominente Unterstützer dieser Marienerscheinungen, um wen handelt es sich denn dabei?
Jung: Hier ist vor allen Dingen natürlich der katholische Adel zu nennen. Dazu gehörte beispielsweise Prinzessin Helene von Bayern, aber auch Familienmitglieder aus dem Haus Turn und Taxis, die nach Marpingen reisten, um natürlich den Erscheinungsort zu sehen, aber auch die Bewegung dort sozusagen zu unterstützen. Allerdings machte sozusagen diese Mobilisierung nicht an nationalen Grenzen halt, sondern wir wissen, dass auch Adelige vor allen Dingen aus Belgien, aber auch aus den benachbarten Luxemburg nach Marpingen gereist sind und dass es auch in deren Umfeld dann zu spektakulären Heilungswundern kam. Und nicht zuletzt, und das ist natürlich auch nicht unerheblich, viele Zentrumspolitiker, Ludwig Windhorst oder auch Bachem, reisten nach Marpingen und verliehen dem Ort dann sozusagen noch mal zusätzliche Prominenz.
Marpingen: Das Nachspiel
Lay: Die ganzen Ereignisse ziehen sich im Prinzip den Sommer durch bis in den Herbst hinein. Ich glaube, am 3. September 1877 ist dann die letzte Erscheinung. Ich nehme an, die ganze Zeit über bleiben diese Repressionen des preußischen Staates erhalten?
Jung: Der Härtelwald bleibt weiterhin abgesperrt und abgeriegelt durch die Gendarmerie. Weiterhin ist das Betreten des Härtelwalds verboten und deswegen kommt es auch regelmäßig zu Verhaftungen. 1878, also zwei Jahre nach dem Initialereignis, ist Marpingen dann Thema in einer Sitzung im preußischen Abgeordnetenhaus, in dem die Zentrumspartei sozusagen die Einführung einer Untersuchungskommission fordert mit der Frage, wie das Eingreifen des Staates zu bewerten sei, ob dieses rechtens war oder nicht. Und auch sämtliche Urteile, die im Umfeld von Marpingen gefällt worden sind, zum Beispiel wegen unerlaubten Betreten des Härtelwalds, werden in der Folge alle wieder zurückgenommen und auch die drei Kinder werden aus der Besserungsanstalt entlassen.
Lay: Ich nehme an, Marpingen ist danach weiterhin immer noch Gespräch. Wie geht es denn mit den drei Kindern weiter? Eines stirbt, glaube ich, im Alter von 14 Jahren. Eines tritt ins Kloster ein?
Jung: Die beiden anderen treten ins Kloster ein und verbringen dort auch den Rest ihres Lebens als Nonnen.
Lay: Und widerrufen auch teilweise diese Marienerscheinungen?
Jung: Widerrufen sie, bescheinigen ihnen aber auch wieder Wahrhaftigkeit. Das scheint zu changieren, aber wir wissen eigentlich noch nicht genau, wie es mit den beiden weiterging. Man müsste die weiteren Lebenswege der beiden Mädchen durchaus nochmal im Detail erforschen.
Marpingen: Die Forschung
Lay: Also es gibt durchaus noch Forschungspotenzial. Marpingen ist nicht ausgeforscht. Gut, wir haben jetzt die Ereignisse von Marpingen noch einmal aufgedröselt, durchexerziert und auch die Konfliktlinien im Vorfeld, Kulturkampf, was davor kam, Antikatholizismus. Kommen wir jetzt zur Forschungslandschaft. Das Buch ist 1993 erschienen, die deutsche Übersetzung 1997. Würde das Buch heute noch genauso geschrieben? Kannst du dazu was sagen?
Jung: Blackbourns Buch ist eines – sozusagen – der wenigen geschichtswissenschaftlichen Werke, die sehr gut gealtert sind. Es ist, es spricht vielfache Themengebiete an. Es spricht sozusagen Teile der Mikrogeschichte an und zoomt sozusagen rein in dieses Marpingen. Man lernt die Charaktere sehr gut kennen und man erfährt aber auch darüber hinaus, was das eben für das große Ganze bedeutet, eine solche Geschichte im Kleinen. Heute würde man vielleicht stärker noch die Frage nach einer möglichen Genderdimension in Marpingen stellen oder diese vielleicht auch ein bisschen prominenter platzieren. Und sicherlich würde man Marpingen einen größeren transnationalen Zusammenhang auch einordnen, sodass die Geschichte nicht an den Grenzen dieses Nationalstaats Halt macht, sondern man würde die Verbindungen nach Luxemburg oder nach Belgien oder auch ins benachbarte Frankreich stärker machen, stärker untersuchen.
Lay: Gut, das würde man sicherlich auch machen, weil es in der Zwischenzeit deutlich mehr Forschungsliteratur, Forschungsarbeiten auch zu diesem Thema gab. Blackbourn war ja auch einer der ersten, die über Marienerscheinungen im historischen Kontext geforscht haben, nehme ich an?
Jung: Ja, das kann man durchaus so sagen. Er war einer der ersten und dieses Buch rückte ihn dann natürlich prominent ins Zentrum auch von weiteren Forschungen dazu.
Lay: Genau und die Genderdimension, da kann man vielleicht auch noch rekurrieren auf die Podiumsdiskussion, wie gesagt auf unserem YouTube-Kanal komplett nachzuhören. Da wird auch von dem sogenannten Weiberdorf Marpingen gesprochen, also das ist ja schon in gewisser Weise angeklungen. Ich hatte das zuerst etwas kritisch betrachtet, du hast mir gesagt, dass es sich um einen Quellenbegriff auch handelt.
Jung: Genau, also die Tatsache, dass die Marpingerinnen einen Großteil ihrer Woche ohne Männer vor Ort waren, weil diese eben im Bergbau beschäftigt waren und deswegen in sogenannten Schlafhäusern unter der Woche untergebracht waren, hat sicherlich einen Einfluss auf die Dynamik in Marpingen vor Ort. Aber auch in der größeren Perspektive ist die Frage der Genderdimension hinsichtlich Marienerscheinungen natürlich interessant, weil vor allen Dingen Frauen und Kinder von Marienerscheinungen berichteten in diesem 19. Jahrhundert. Männern, inklusive dem Klerus, erschien die Gottesmutter so gut wie nie. Was sicherlich auch bedeutend ist in Marpingen oder was man heute vielleicht auch noch untersuchen könnte, wo man ansetzen könnte, ist die Frage nach der Bedeutung des katholischen Adels. So wissen wir zum Beispiel, dass die Tochter einer belgischen Adelsfamilie in Marpingen geheilt worden ist. Diese Familie dann in der Folge eine Art Pamphlet über diese wundersame Heilung herausgegeben hat, dass dann auf Deutsch wie auf Französisch in der Region und darüber hinaus zirkulierte, sodass auch hier von einem Erinnerungsort des Adels auch gesprochen werden kann, was wiederum der älteren Forschung gegenüber steht, die Katholizismus und wundersame Heilungen und alles, was dazugehört, eher in den ländlichen Bereich der Unterschichten verortet hat. Aber dass der katholische Adel hier eine bedeutende Rolle spielt, das müsste man auch noch mal gesondert untersuchen.
Lay: Den Einfluss auf die Forschung, das hast du ja im Prinzip schon gesagt. Gehen wir mal von der internationalen Forschung auf die regionale Forschung. Also was hat das Buch hier ausgelöst, wird hier außer von dir eigentlich zu dem Thema Volksfrömmigkeit, Katholizismus und so weiter in
der Region geforscht?
Jung: Ja, also auf allen Dingen Bernhard Schneider in Trier hat hier sehr bedeutende Arbeiten geleistet mit einer sehr umfangreichen Bistumsgeschichte, die aber nicht nur eine Geschichte der Zahlen ist, sondern auch eine Geschichte der Frömmigkeit vor Ort, sodass das Trierer Bistum hier auf eine sehr breite Forschungsgeschichte zurückblicken kann, auch mit Andreas Heinz, der zum Beispiel die Geschichte der Maiandacht auch im Trierer Bistum beleuchtet hat. Und aus dem oder vom Lehrstuhl Bernhard Schneiders sind dann auch entsprechende Arbeiten entstanden. So gibt es eine Doktorarbeit von Andreas Kotulla, der sich damit beschäftigt oder der die Frage stellt, wie eigentlich die deutschen Katholikinnen und Katholiken mit Lourdes bekannt geworden sind, wie also die transnationale Verbreitung dieses Phänomens und der Geschichte zu bewerten ist. Auch eine ganz tolle Doktorarbeit, aber man kann sozusagen sagen, dass die Forschung hier, vor allen Dingen durch Bernhard Schneider, schon auf sehr breiten Füßen steht.
Lay: Möchtest du uns vielleicht noch sagen, worum es in deiner aktuellen Forschungsarbeit geht, in wenigen Sätzen?
Jung: Im Wesentlichen beschäftige ich mich sozusagen mit der Vorgeschichte von Marpingen. Ich frage also nach der Bedeutung von Frömmigkeit und Frömmigkeitspraktiken und ich frage danach, wie grenzüberschreitend diese eigentlich waren. Denn Katholizismus und katholische Kirche werden häufig immer noch im nationalen Rahmen untersucht und ich frage, ob und inwiefern der Katholizismus in seinem tiefen Bereich, also im Bereich der Frömmigkeit eigentlich grenzüberschreitend war. Mich interessiert, wohin die Gläubigen geblickt haben, ob sie nur nach Rom geschaut haben oder vielleicht auch nach Frankreich oder nach Belgien, wo also ihre Orientierungspunkte waren. Und ich mache das mithilfe der Marienverehrung und ihrer Assoziation.
Lay: Marpingen 1876 war ja auch nicht die letzte Erscheinung dort. Es gab auch eine Marienerscheinung 1999. Da werden wir jetzt nicht gesondert darauf eingehen. Hier möchte ich nur auf die SR-Dokumentation verweisen, die noch bis, ich meine, 21. Dezember 2027 in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Wir verlinken die auch in den Shownotes. Die ist auf jeden Fall sehenswert. Eine Sache, die ist mir noch aufgefallen bei der Recherche, habe ich mir natürlich auch die Wikiliste mit Marienerscheinungen angeschaut und es gab da einen Unterschied zwischen anerkannten Marienerscheinungen und Marienerscheinungen, bei denen eine Verehrung gestattet ist.
Jung: Diejenigen, die sozusagen anerkannt sind, wurden im Rahmen eines kanonischen Prüfverfahrens als wahrhaftig eingestuft. Dazu gehört Lourdes, dazu gehört aber zum Beispiel auch La Salette, über das wir schon gesprochen haben. Und Marpingen gehört zu der Kategorie, bei der die Kirche eine Verehrung erlaubt, aber die Erscheinung dennoch nicht als wahrhaft eingestuft hat. Aber das Ergebnis des Prüfverfahrens, und das ist, glaube ich, für Marpingen noch mal ausschlaggebend, sagt sozusagen wenig über die Verehrungspraxis vor Ort aus. Der Marpinger Härtelwald ist auch heute noch ein Zielort für Pilgerinnen und Pilger. Es ist eine Verehrungsstätte und es finden sich auch dort eine Vielzahl von Votivtafeln, die der Gottesmutter für ihre Hilfe danken. Und man trifft auch regelmäßig dort noch Pilgerinnen und Pilger. Insofern ist die Entscheidung der Kirche gar nicht das ausschlaggebendste Kriterium.
Schluss
Lay: Damit sind wir am Ende unserer Folge über die Marienerscheinung von Marpingen angekommen. Die Marienerscheinung von Marpingen, dieser Fall führt mitten hinein in die Welt des 19. Jahrhunderts: Antikatholizismus, Frömmigkeit und Marienverehrung, und die dadurch entstehenden Spannungen zwischen katholischer Kirche und einem sich als protestantisch verstehenden Staat.
Wenn wir aber das Credo eines der bekanntesten Historiker des 19. Jahrhunderts bemühen, Leopold von Ranke, nämlich Geschichte so zu erzählen, wie es eigentlich gewesen ist, dann kommen wir mit dieser Methode nur bedingt weiter. Die Frage, ob die heilige Jungfrau den drei Mädchen wirklich erschienen ist, spielt so gesehen auch kaum eine Rolle. Spannender ist die Fragen, warum so viele Menschen ihnen Glauben schenkten, warum der Staat so hart reagierte und warum Marpingen bis heute ein Ort religiöser Erinnerungen geblieben ist.
Deutlich geworden ist auch: Marpingen war kein abgeschlossener Ort außerhalb der Geschichte, sondern Teil größerer Entwicklungen. Die Geschichten von Lourdes und anderen Marienerscheinungen waren bekannt, Frömmigkeitspraktiken prägten den Alltag, und die Reaktion des preußischen Staates zeigt, wie politisch aufgeladen religiöse Phänomene in dieser Zeit sein konnten.
Und wenn Sie etwas aus dieser Folge mitnehmen möchten – und ich verspreche Ihnen, dass dies so etwas wie ein wiederkehrendes Thema dieses Podcasts werden wird – dann, dass lokale Geschichte immer in größere Zusammenhänge eingebettet ist: regional, national, europäisch oder global.
In diesem Sinne: Salut, Glück auf! und bis zum nächsten Mal.
***Musik***
Ich bedanke mich bei Maike Jung für das Gespräch.
Außerdem danke ich all jenen, die bei der Gestaltung des szenischen Intros mitgeholfen haben. Das sind Rosa Finkler, als eines der Mädchen, Christine Finkler als Mutter sowie Gunther Finkler, Katharina Feickert, Katrin Conrad und Sebastian Ehrhard, die die Dorfbewohner dargestellt haben.
Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, abonnieren Sie SaarZeiten gerne und empfehlen Sie uns weiter.
Die nächste Folge von SaarZeiten ist schon in Planung, denn wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen, sondern sprechen am 4. Juli über den Independence Day oder besser: den Unabhängigkeitskrieg der USA und was unsere Region damit zu schaffen hat.

