Teil 1: Rundfunkrede Eugen Meyers vom 23. Juni 1951: Die Kommission für saarländische Geschichts- und Volksforschung (gekürzte Fassung)
Lay: Der 23. Juni 1951. Eine Stimme ertönt über den Äther des Saarländischen Rundfunks…
Eugen Meyer: Meine verehrten Zuhörer!
Lay: Sie gehört Eugen Meyer, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Unviersität des Saarlandes und Direktor des Kultusministeriums im Kabinett Hoffmann II.
Eugen Meyer: Ich möchte heute mit Ihnen über eine Angelegenheit sprechen, die vielleicht nicht das Interesse der großen Masse der Zuhörerschaft erwecken wird, die aber doch, wie ich glaube, die Aufmerksamkeit derjenigen verdient, die sich mit unserer Saarheimat besonders verbunden fühlen. Es handelt sich nämlich um die Frage der Organisation der Saarländischen Landes- und Volksforschung.
Vor etwa drei Wochen sind in Saarbrücken in dem Gelände an der Saar vor dem Halberg Mauerreste von Teilen einer römischen Siedlung zutage gekommen, die das größte Interesse der Fachwelt zu erregen geeignet sind.
Es werden hier mitten in der Stadt Saarbrücken historische Überreste einer 2000-jährigen Vergangenheit sichtbar.
Das, was mich nun aber zu diesen Ausführungen veranlasst, ist der Umstand, dass diese Grabungsergebnisse wiederum verschwinden und für alle Zeit verschüttet werden.
Das heißt, alles, was da zum Vorschein gekommen ist, wird wieder unsichtbar werden. Die Fachleute haben nur die Möglichkeit gehabt, die Funde aufzunehmen und kartenmäßig festzuhalten, ohne sie aber für die Zukunft retten zu können. Das scheint mir doch zu zeigen, dass hier etwas falsch organisiert ist.
Wir leben hier in einem Land, das trotz seiner Überflutung durch die moderne Industrie seit mehr als 2000 Jahren gesättigt ist von historischen Überlieferungen, die es gilt zu sammeln, zu erhalten und der Wissenschaft zugänglich zu machen.
Aus diesem Grund hat die saarländische Regierung sich entschlossen, eine staatliche Stelle zu begründen, mit der Aufgabe, die Geschichte, einschließlich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie die Volkskunde unseres Landes wissenschaftlich und planmäßig zu erforschen und insbesondere die Quellen der Geschichte des Landes und Volkes in einer den Forderungen der Wissenschaft entsprechenden Weise herauszugeben.
Diese Kommission ist durch Beschluss des Ministerrats vom 7. Juni des Jahres ins Leben getreten.
Wir hoffen, dass wir damit eine Arbeit leisten, die nicht nur den Fachkreisen, sondern unserem ganzen Gemeinwesen zugutekommen wird. Denn dieses Gemeinwesen ist aufgebaut nicht nur auf wirtschaftlichen Kräften und auf seiner politischen Situation, sondern es ist aufgebaut wesentlich auch auf seiner Geschichte. Und es kann auf die Dauer nicht gesund bleiben und sein Leben nicht erhalten, wenn es dieser seiner geschichtlichen Grundlage und seinem geschichtlichen Gesetz untreu wird. Das ist auch der Gedanke, der dieses neue Institut ins Leben gerufen hat und der seine Arbeiten leiten soll.
Teil 2: Einführung
Lay: Salut, Glück auf und willkommen! Hier spricht die Kommission für Saarländische Landesgeschichte, mein Name ist Markus Lay und in unserem Podcast SaarZeiten geht es um die Geschichten hinter Orten, Akten und Menschen an Saar und Blies sowie der europäischen Großregion.
In jeder Folge nehmen wir Sie mit zu Schauplätzen der regionalen Geschichte – von Kohle und Stahl über Grenzkonflikte und Freundschaften bis zu Alltags- und Migrationsgeschichten. In dieser Folge geht es um den 7. Juni 1951 – das wichtigste Datum der saarländischen Geschichte.
Die erste Folge unseres Podcasts sowie das 75. jährige Jubiläum der Kommission für Saarländische Landesgeschichte nehmen wir zum Anlass, Ihnen unsere Institution näher vorzustellen.
Der Titel dieser Folge ist natürlich eine Zuspitzung und bewusste Provokation. Wer an die wichtigsten Daten der saarländischen Geschichte denkt, kommt vermutlich zuerst auf die Abstimmungen 1935 und 1955, die Entstehung des Saargebietes 1919/20 oder den Anschluss an die Bundesrepublik 1957 oder den wirtschaftlichen Anschluss 1959. Der 7. Juni 1951 wirkt dagegen unscheinbar. Aber an diesem Tag wurde eine Institution geschaffen, die bis heute daran mitarbeitet, dass saarländische Geschichte erforscht, gesichert und zugänglich gemacht wird. Genau darum geht es in dieser Folge.
Die eingangs erwähnte Rede von Eugen Meyer ist dabei der Aufhänger. Die Rede selbst ist natürlich stark gekürzt, eine Verlinkung zur ungekürzten Fassung aus dem Nachlass von Eugen Meyer, der im Landesarchiv des Saarlandes einzusehen ist, finden Sie samt Signatur in den Shownotes.
Bevor es los geht, möchte ich Sie jetzt schon einmal darauf aufmerksam machen, dass Sie uns gerne Rückmeldung oder Fragen zu den einzelnen Folgen schicken können, die wir gerne versuchen werden zu beantworten. Sie können uns auch Themenvorschläge zur regionalen Geschichte zusenden, die wir einmal in diesem Podcast behandeln sollten. Das wird aber frühstens nächstes Jahr der Fall sein. In der nächsten Episode gehen wir nach Marpingen in den Härtelwald und schippern am 4. Juli mit einem zweibrücker Regmiment über den Atlantik, um am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen.
Heute – wie gesagt – werden wir Ihnen erst einmal vorstellen was historische Kommissionen im Allgemeinen überhaupt sind, was die saarländische Kommission genau macht und wie ihr Verhältnis zu anderen Institutionen der Regionalgeschichte ist.
Dazu spreche ich mit Frau Prof. Dr. Gabriele Clemens, die nicht nur Vorsitzende der Kommission ist und den Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte an der Universität des Saarlandes innehat, sondern auch über Geschichtsvereine und ihre Rolle im 19. Jahrhundert geforscht hat. Stephan Laux ist ebenfalls im Vorstand der Kommission und Professor für geschichtliche Landeskunde an der Universität Trier. Als Vorsitzender der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde wird er uns etwas über die Arbeit dieser bereits im 19. Jahrhundert gegründeten Institution sowie zu Kommissionen im Allgemeinen erzählen können. Des Weiteren spreche ich mit Pfarrer Prof. Dr. Joachim Conrad. Er ist außerplanmäßiger Professor für Kirchen- und Regionalgeschichte an der Universität des Saarlandes und Vorsitzender des 1839 gegründeten Historischen Vereins für die Saargegend. Auch er ist Mitglied der Kommission. Kein Mitglied der Kommission für Saarländische Landesgeschichte ist Christoph Cornelißen, Professor für Neueste Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Dafür ist er Mitglied in zahlreichen anderen historischen Kommissionen und ein Experte zu Methoden- und Theoriefragen der Geschichtsschreibung sowie zur Geschichte der Erinnerungskulturen.
Im jetzt folgenden ersten Teil der Folge spreche ich mit Gabriele Clemens und Stephan Laux über die Kommission für Saarländische Landesgeschichte, andere Kommissionen sowie Vorgängerinsitutionen.
Teil 3: Gespräch mit Gabriele Clemens und Stephan Laux
Lay: Herr Prof. Laux, Frau Prof. Clemens, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wir starten gleich mit der Frage zu Eugen Meyer, zu dem, was er in seiner Rede gesagt hat. Er spricht da von der Organisation der saarländischen Landes- und Volksforschung. Jetzt ist die Frage, wie organisiert man wissenschaftliche Forschung zu einem bestimmten historischen Raum? Und ist das auch, was er meint, dort besonders zeitgebunden? Die Frage an Sie, Frau Clemens, ganz grundsätzlich jetzt aber erst einmal. Was ist überhaupt eine historische Kommission?
Clemens: Eine historische Kommission wird meist von staatlicher Seite gegründet. Die Vorläufer im 19. Jahrhundert, man muss sagen, die saarländische Kommission ist von sehr spät gegründet worden, weil es auch damals keinen saarländischen Staat gab. Und diese Kommissionen werden im 19. Jahrhundert gegründet, um Grundlagenforschung zu betreiben, in erster Linie Quelleneditionen, um Forschung zu ermöglichen.
Lay: Und was unterscheidet so eine Kommission von einem universitären Lehrstuhl oder einem Archiv oder auch einem Geschichtsverein?
Clemens: Also an den Universitäten wurde im 19. Jahrhundert gelehrt und kaum geforscht. Archive befinden sich im Aufbau, sind aber immer noch nicht frei zugänglich. Das ändert sich erst im Laufe der Zeit. Und historische Vereine gibt es in Deutschland seit den 1820er Jahren in großer Zahl. So um 1900 hat jede Stadt mindestens einen Geschichtsverein, jede Region hat einen Geschichtsverein.
Aber diesen Verein wird häufig an gewisser Dilettantismus vorgeworfen. Es gibt auch böse Kommentare seitens der Universitätsgelehrten. Das hängt aber immer sehr am Vorsitzenden und am Vorstand, wie weit sie professionell arbeiten. Aber da sind auch viele Dilettanten, die keine entsprechenden Ausbildungen haben und sich mit Freude an der Geschichte auf die Quellen stürzen, aber oft auch über den eigenen Tellerrand nicht hinaus schauen.
Lay: Herr Laux, das Modell historische Kommission, ist das eine typisch deutsche Institution oder gibt es da auch vergleichbare Formen in anderen Ländern?
Laux: Also wenn man den Begriff zum Anlass nimmt, dann wird man sicherlich viele vergleichbare Institutionen anderswo auch außerhalb Deutschlands finden, die allerdings keinen spezifischen Raumbezug haben. Das ist da die Besonderheit nicht nur der historischen Kommissionen, sondern der Landesgeschichte als solcher. Man mag es vielleicht kaum glauben, aber die Landesgeschichte, ob sie jetzt durch Kommissionen oder durch Lehrstühle bzw. Professuren oder gar Forschungsinstitute repräsentiert wird, ist eine deutsche Besonderheit. Wir würden zumindest vermuten, dass es das auch in Österreich gibt oder vielleicht auch in Staaten, die eine sehr starke föderalistische Prägung haben, denken Sie beispielsweise an Italien, aber auch viele Länder innerhalb Europas wie außerhalb. Überall, möchte man meinen, gäbe es Grund und Anlass dafür, Kommissionen und Institutionen zu gründen, die sich mit regionalen Belangen befassen. Das ist aber nicht der Fall. So gesehen also ja, in einem doppelten Sinne ist Ihre Frage zu bejahen. Es ist ein deutsches Spezifikum. Ja, wie Kollegin Clemens gerade gesagt hat, hat auch eine Einrichtung, die mal abgesehen von ihrer selbstverordneten Zielsetzung, ihre Entstehung auch dem Selbstverständnis der dort versammelten Akteure und das waren akademische Eliten in aller Regel, zu verdanken hatte.
Lay: Und was haben diese Kommissionen dann im 19. Jahrhundert oder auch im 20. Jahrhundert eigentlich gemacht? Was waren die klassischen Aufgaben solcher Kommissionen?
Laux: Ja, wir finden das eigentlich heute noch in den Satzungen dieser Kommissionen meist abgebildet. Ich könnte jetzt aus der Präambel zitieren der Gesellschaft, der ich gegenwärtig vorstehe, der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde. Wie Frau Clemens gerade schon gesagt hat, man verpflichtete sich der Grundlagenforschung und Grundlagenforschung ist zunächst einmal keine kommentierende, also analytische Forschung, sondern eine Sicherung, eine Erhebung, eine Sicherung und dann auch schriftliche Abbildungen dessen, was man früher oft noch die Altertümer genannt hat.
Das heißt, man hat sich der Quellen bedient. Da gab es Vorbilder, die aber eher auf nationaler Ebene angesiedelt waren. Die Monumenta 1819 sind das große Vorbild, das aber eben keine regionale Prägung besessen hat, sondern sich auf das große Ganze, das Deutsche bezogen hat. Gewissermaßen wollte man es dieser großen und ehrwürdigen Institutionen jetzt nachtun und dann eben auf regionaler Ebene Grundlagenforschung im Sinne von Quellenveröffentlichungen vornehmen. Und dabei hat man sich, wie jetzt mehrfach schon angeklungen, sehr ausdrücklich von den sogenannten Dilettanten absetzen wollen, mit denen man sei es wegen ihres Status oder ihrer Kompetenz dies zu tun und nicht eingestehen wollte.
Lay: Vielleicht der Vollständigkeit halber, können Sie noch gerade sagen, was die Monumenta ist?
Laux: Ja, das ist die vaterländische Gesellschaft zur Herausgabe von Quellen zur Geschichte des deutschen Mittelalters.
Lay: Jetzt spricht Meier ja in seiner Rede von einem Organisationsproblem. Er führt die Ausgrabungen am heutigen Römerkastell in Saarbrücken als Beispiel an, die dann vom auch neu gegründeten Landesdenkmalamt erstmal aufgenommen werden und dann wird es eben zugunsten der Industrie, das führt er immer wieder in der Rede an, wird es dann für immer verschwinden, so seine Vermutung. Weil, so argumentiert er, ist eben bis vielleicht jetzt auf dieses Landesdenkmalamt niemanden gibt, der, um es in modernen Worten zu sagen, vielleicht eine Lobby darstellt für die Geschichte. Er leitet wie gesagt ein Organisationsproblem daraus ab. Jetzt vielleicht der historische Moment nochmal genauer. Frau Clemens, warum brauchte denn das Saarland 1951 eine eigene landesgeschichtliche Kommission?
Clemens: Also wir befinden uns in der Autonomiezeit. Seit 1947 ist das Saarland ein halbautonomer Staat und diese Kommission ist natürlich auch dazu geeignet, Identitäten zu schaffen. Denn ein Saarland gab es ja noch nicht lange. Und gerade Hoffmann, der Ministerpräsident, hat auf ganz vielen Ebenen versucht, etwa im Sport oder in der Kultur, dem Saarland eine eigene Identität zu geben. Und da ja nun auch ausreichend Spezialisten vor Ort waren an der Universität, bot sich nun die Gelegenheit, eine historische Kommission zu gründen, die den Ansprüchen einer Kommission gewachsen war.
Lay: Also das heißt, das war nicht rein wissenschaftlich motiviert, sondern auch kultur- bzw. identitätspolitisch?
Clemens: Geschichte ist immer auch Geschichtspolitik. Also wenn solche Institutionen gegründet werden, ob das die deutschen historischen Institute sind oder ob das Akademien sind oder Kommissionen, da ist immer auch Geschichtskultur, im Hintergrund sogar Vereine, wurden im 19. Jahrhundert etwa vom bayerischen König dazu instrumentalisiert, eine bayerische Identität zu schaffen.
Lay: Dann vielleicht an Herrn Prof. Laux die Frage, ob diese Gründung 1951 im Saarland ein Sonderfall war oder ist das Teil einer größeren Entwicklung historischer Kommission nach 1945?
Laux: Also ich möchte antworten, dass es einerseits eine Besonderheit ist, andererseits aber auch eine Muster entspricht. Die Besonderheit liegt ganz fraglos in den zeitgeschichtlichen Umständen, die Frau Clemens hier gerade umrissen hat. Das Bundesland gab es noch nicht. Es ist bereits in damaliger Zeit Werbung gemacht worden, nicht das erste Mal. Zum Bekenntnis der Deutschheit, wenn ich das vielleicht mal so etwas salopp ausdrücken darf, der Bevölkerung, insofern, also wie Sie gesagt haben, ein identitätspolitischer Aufruf, das ist eine Besonderheit. Insofern, Frau Clemens sagt es, die Kommission ist spät gegründet worden.
Parallel gibt es in der jungen Bundesrepublik allerdings auch andere Kommissionsgründungen. Es sind sogar dann nach der deutschen Wende 1989, 1990 in Thüringen etwa oder in Sachsen-Anhalt auch Kommissionen gegründet worden. Aber zurück zu den 50er Jahren, nun sind die, die Bundesrepublik existiert. Die Länder sind geschaffen, sogar ganz am Anfang, in der Frühphase nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber sie besaßen keine Bestandsgarantie. Das taten sie erstens nicht, weil tatsächlich die Ministerpräsidenten der Länder selbst aufgerufen waren, am Gebietszuschnitt oder einer Reform der Gebietszuschnitte der Länder mitzuwirken. Das heißt also, diese Länder waren Zweckeinrichtungen in den allermeisten Fällen und damit einer administrativen Logik verpflichtet. Auf der anderen Seite aber erkannte man, dass doch eine wachsende Stabilität entstand. Das gilt auch für das Bundesland, in dem wir uns hier gerade bewegen, in Rheinland-Pfalz. Da war tatsächlich die Rede von einer Missgeburt, muss ich leider zitieren, als welche man dieses Bundesland einmal bezeichnet hat. Dann wich aber diese negative Einschätzung doch einer eher wohlwollenden und man war bestrebt, eben auch mit historischen, mit kulturgeschichtlichen Argumenten das Fortbestehen des Bundeslandes zu sichern und damit auch die Identität in der Bevölkerung zu prägen. Und das hat beispielsweise Baden-Württemberg, das aufgrund deiner Zweiteiligkeit mindestens aus zwei größeren Teilregionen ein besonderes Bedürfnis besaß, diese Einmütigkeit doch auch zu bekräftigen, eben auch zur Gründung einer Kommission geführt.
Grundsätzlich aber würde ich sagen, dass Kommissionen dazu dienen, gewisse Zustände von Fragilität oder Unsicherheit, vielleicht auch Zustände, die von einem gewissen Traditionsverlust zeugen, was hier in der Rede von Meier sehr deutlich anklingt, eben gewissermaßen zu befrieden, indem man eben mit historischen Argumenten die Homogenität, die Stabilität und damit auch die Zukunftsfähigkeit einer Region oder einer sogenannten Geschichts- oder Kulturlandschaft zu sichern versuchte.
Lay: Jetzt haben Sie ja gesagt, beispielsweise Baden-Württemberg bestand aus zwei Landesteilen, jetzt gibt es ja Länder, die haben sogar mehrere Kommissionen bzw. es gibt ja auch Kommissionen für Länder, die gibt es nicht mehr. Es kam ja vor einigen Jahren 2023 unter anderem von Matthias Beer herausgegeben, dieser Sammelband raus, Landesgeschichte mit und ohne Land, wo es eben um diese historischen Kommissionen ging. Und da ging es ja beispielsweise auch um diese Ostpreußische Kommission. Es gibt Ostpreußen ja nicht mehr. Und man hat auch Berlin, die sich auch für preußische Geschichte interessieren bzw. darum kümmern, Brandenburg usw. Also da gibt es ja auch einige Überschneidungen.
Laux: Sie haben völlig recht, wenn ich das kurz kommentieren darf. Ich habe die im Sachverhalt verkürzt dargestellt. Allerdings schließt das eine das andere keineswegs aus. Also die Existenz einer gesamtbundesländischen Kommission schließt keineswegs wieder regionale Unterkommissionen aus, sondern das Gegenteil ist der Fall. Eben gerade angesichts dieses Impetus, eben eine historische Kohärenz für das gesamte Bundesland zu behaupten, ist förmlich, man könnte vielleicht sagen, die Perifere oder die regionale Autonomie von Geschichtslandschaften herausgefordert worden, eben mit dem Effekt, dass sie ihrerseits Institutionen und so auch Kommissionen gegründet haben. Und wir haben das ja auch im Bundesland Nordrhein-Westfalen beispielsweise, wo wir eben ab 1896 auch eine historische Kommission für Westfalen haben, die sogar auch noch mehrteilig ist usw. Und so könnte man sagen, das verästelt sich eigentlich, widerspricht aber auch nicht der Zielgebung, eben mit Hilfe von Dachorganisationen für gesamte Provinzen auch so etwas wie eine Landes- oder Provinzialidentität bewirken zu wollen.
Lay: Ich würde gerne noch mal kurz zurückgehen zur saarländischen Kommission dieser Identitätsstiftung der Gründung 1951 und vielleicht dem Abstimmungskampf 1955. Vorausgesetzt, man kann überhaupt was dazu sagen. Was bedeutet denn diese Idee der Identitätsstiftung und damit die Gründung der Kommission? Einmal hinsichtlich der Wissenschaftsfreiheit, sage ich einmal. Und weiß man denn, wie sich die Kommission in diesem Abstimmungskampf positioniert hat? Beziehungsweise hätte sie sich überhaupt positionieren sollen? Oder hat man gesagt, da herrscht Wissenschaftsfreiheit und die sollen sich erst einmal generell nur um ihre Aufgaben kümmern?
Clemens: Und die Kommission hatte zum damaligen Zeitpunkt 30 Mitglieder. Das waren überwiegend Universitätsprofessoren und die haben sich meines Wissens nicht in diesen Abstimmungskampf als Kommission positioniert.
Lay: Die Gründung 1951 der Kommission heißt ja nicht, dass es vorher gar keine Geschichtsforschung zur Region gab. Wir haben den Historischen Verein, da werden wir nochmal extra drauf zu sprechen kommen. Meyer spricht in der kompletten Rede ja von Vorarbeiten, die nicht nur der Historische Verein für die Saargegend geleistet hat, sondern eben auch die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. Etwas überspitzt die Frage mal, kann man sagen, dass die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde so etwas wie eine Vorgängerinstitution der saarländischen Kommission ist oder greift das Ganze zu kurz? Ist diese Gesellschaft überhaupt eine Kommission? Versteht sie sich als solche?
Laux: Herr Lay, das sind kluge, mehrteilige Fragen. Ich möchte zunächst einmal beginnen mit der Frage der Vorgängerschaft. Rein chronologisch, wenn wir nun also eine Kette aufziehen mit historischen Kommissionen, sicherlich spielt die rheinische Gesellschaft 1881 gegründet hier eine Rolle, ist auch ein Vorbild, aber eher, würde ich mal sagen, in einem abstrakten Sinne. Von ihrem Gegenstandsfeld der rheinischen Geschichte, wovon man vielleicht, wenn man die preußische Rhein-Provinz zum Maßstab nimmt, erwarten könnte, ja, die rheinische Gesellschaft hat sich immer auch mit saarländischen Themen befasst, könnte man vielleicht ein Ja aussprechen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Also, Editionen zur Geschichte des Saarlandes sind nicht vertreten, was insofern bemerkenswert ist als in der sehr speziellen Komposition der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde, die ja ein privater Verein letztendlich gewesen ist, ohne staatliche Förderung, woran eine ganze Reihe saarländischer so genannter Patrone, das waren Angehörige aus Handels- und administrativer Elite, beteiligt war, könnte man eigentlich das Gegenteil erwarten, aber die Frage stellt sich immer, wer macht es und wer ediert. Es gibt kein Archiv, es gibt vielleicht einfach auch die Netzwerke, nicht derer es bedürfte, um solche Quelleneditionen zustande zu bringen. Also, die Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde ist nur in einem sehr entlegenen und auch sachlich reduzierten Sinne eine Vorgängerinstitution gewesen ist, was den Rechtsstatus angeht, nachdem Sie gerade indirekt fragten, ist ohnehin ein Unterschied zu machen. Die Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde ist ein Verein, ein eingetragener Verein. Das unterscheidet sie von der saarländischen Schwestergesellschaft und vor allen Dingen ist es keine staatliche Gründung. Das ist sie nun wirklich nicht gewesen, weil hier am Anfang, wir werden vielleicht noch darauf zu sprechen kommen, ein enthusiasmierter Kreis an historisch interessierten Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern beteiligt war, wohingegen wir der Rede Meyers entnehmen, dass hier die Landesregierung oder die Regierung vielmehr den Staat gemacht hat und eine Kommission begründet hat. Das ist ein großer Unterschied.
Lay: Vielleicht ganz kurz zur Einordnung auch noch. Wir haben jetzt die ganze Zeit darüber gesprochen von Rheinprovinz. Frau Clemens, wenn wir von Rheinprovinz sprechen, da war das „Saarland“ in Anführungszeichen Teil davon. Wie sah denn die Situation vor 1945 oder vielleicht besser vor 1919 aus?
Clemens: Also, vor 1919 gehörten Teile des heutigen Saarlandes zur preußischen Rheinprovinz und ein anderer Teil zur Bayerischen Pfalz.
Lay: Das heißt also, die Situation ist mehr oder weniger unverändert seit 1815, seit dem Wiener Kongress, das auch noch mal zur historischen Einordnung. Es gab ja auch eine napoleonische Gründung, die so ein bisschen die Geschichte und andere wissenschaftliche Aspekte aufarbeiten sollte. Die Gesellschaft für nützliche Forschung in Trier, kann man die vielleicht auch als Vorgängerorganisation der Kommission bezeichnen oder war das wieder was ganz anderes?
Clemens: Also diese Gesellschaft für nützliche Forschung wurde während der napoleonischen Zeit top-down gegründet. Von Paris aus gab es eine Last, dass in jeder Präfektur Hauptstadt so eine Société sein muss. Die wurden gegründet und recherche-util. Das hieß nützliche Forschungen. Die haben sich um Agrarwissenschaften gekümmert. Die haben Statistiken gestellt. Die haben sich um Geologie gekümmert und auch um Geschichte. Zum Beispiel hat die Trierer Gesellschaft lange Zeit das meiste Geld für eine Ochsenprämierung ausgegeben oder Zuchtbullenprämierung. Diese Gesellschaft in Trier hat sich immer auch der archäologischen Ausgrabungen eingenommen, die teilweise auch durch Zufall und gar nicht mal gezielt zutage trat, etwa bei Straßenbau. Und diese Gesellschaft für nützliche Forschung mutiert dann allmählich zum Geschichtsverein, aber es ist dann ein Geschichtsverein, es ist keine Kommission. Auch hier sind weiterhin Dilettanten am Werk. Auch mit problematischen Folgen, wenn man an den Streit zu den Nenninger-Inschriften, die gefälscht wurden von einem Leiter der Grabung, den der Verein angestellt hatte und der dann von Mommsen enttarnt wurde als Fälscher.
Lay: Heinrich Schäffer, ja vielleicht machen wir jetzt zudem auch noch eine extra Folge, der ist zu spannend, um ihn nicht zu erwähnen. Wie gesagt, zur Geschichtsverein kommen wir noch im Gespräch mit Herrn Conrad, aber vielleicht…
Clemens: Man muss auch sagen, dass dieser Geschichtsverein in Saarbrücken dann natürlich auch gegründet wurde, um vor der Haustür selber diese archäologischen Grabungen zu machen, sie eben nicht in Trier zu überlassen. Also man war da immer sehr darauf bedacht, dass das, was vor der Haustür gefunden wird, auch bitteschön in Saarbrücken bleibt und eben nicht nach Trier geht.
Lay: Haben wir eigentlich auch eine pfälzische Entsprechung?
Clemens: Natürlich. In jedem bayerischen Kreis hat Ludwig I. einen Verein gründen lassen und die sollten dann jeweils in diesem Kreis die Geschichtswissenschaften betreiben.
Lay: Gut, vielleicht schon mal vorgreifend zu den historischen Vereinen. Die Frage an Sie, Herr Professor Laux. Jetzt ist es ja im Saarland so, der Verein für die Geschichte der Saargegend ist ja mehr oder weniger für das ganze Flächenland zuständig. Gibt es so eine Situation auch noch in anderen Bundesländern? Ist Ihnen das bekannt? Also dass es einen historischen Verein gibt, der neben den Kommissionen besteht und für ein Flächenland zuständig ist. Also gibt es einen historischen Verein Rheinland-Pfalz, gibt es einen historischen Verein Brandenburg oder sowas?
Laux: Ich muss gestehen, mir ist kein solcher Fall jetzt aktuell bekannt. Vielleicht findet sich doch noch einer, und zwar ich denke an die Stadtstaaten, die ja eben auch Bundesländer sind. Im Hinblick auf die Bundesländer, vielleicht Sachsen, Gabi, liege ich nicht falsch. Allerdings in gewissen Personalunionen, wie ich vermute, aber ich möchte nichts Falsches sagen. Ich möchte aber doch eines, weil es meiner ich der Tendenz entspricht, sagen. Die Kommissionen sind wissenschaftlich, ich will fast sagen diskret und fleißig arbeitende Expertengremien, die eben Grundlagenforschung betreiben und nicht, das liegt auch an ihren Kooptations- bzw. Zuwahlverfahren, sich nicht öffnen, zumindest nicht voraussetzungslos gegenüber der Öffentlichkeit. Historische Vereine für Bundesländer, wenn es die denn gäbe, würden anders agieren. Allerdings im Sinne des populären Geschichtsverständnisses ist hier eine gewisse Spannung, wenn nicht gar ein Widerspruch anzusetzen. Die regionale Identifikation in Deutschland, die funktioniert in den allermeisten Fällen nicht auf der Ebene der Bundesländer, sondern auf der Ebene von Städten, von vielleicht Geschichtslandschaften. Spezifische Konstellationen, die aber jedenfalls alt eingeprägt sind, wohingegen sowohl Bundesländer als auch Landkreise eigentlich doch weitgehend noch als administrative Formationen angesehen werden, denen gegenüber man ein deutlich geringeres Maß an affektiver Zuwendung aufbringt.
Clemens: Es gibt, wenn ich mich nicht irre, es gibt einen sächsischen Geschichtsverein, es gibt einen thüringischen Geschichtsverein. Das heißt aber nicht, dass die das Monopol haben. Dort gibt es dann etwa in Thüringen noch den Geschichtsverein von Hohenleuben und so weiter. Selbst wenn es einen gibt, der sich für das Bundesland zuständig fühlt oder für das Bundesland zuständig sein soll, sind die keineswegs alleine unterwegs, sondern es gibt dann immer noch kleinteiligere Geschichtsvereine für kleine territoriale Einheiten.
Laux: Ich möchte noch gerne eine Ergänzung in diesem Zusammenhang beisteuern. Wenn es einen sächsischen Geschichtsverein in der Tat gibt, dann möchte ich die Vermutung äußern, dass er sich nicht alleine auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes bewegt, sondern dass er einen größeren Rahmen zieht. Dafür gibt es eine sachliche Veranlassung. Sachsen ist 1815 arg beschnitten worden auf dem Wiener Kongress.
Und an dieser Stelle möchte ich auch noch eine anderweitige Beobachtung einfliessen lassen. Wir haben gerade gehört, dass sich Geschichtsvereine verästeln bis sehr weit nach unten auf die lokale Ebene und selbst dort stellen wir fest, dass Vereine sich gebildet haben und auch noch existieren, die wiederum Nuklei gewissermaßen, also Kerne, repräsentieren und eben halt nicht sich mit einer ganzen Stadt oder mit einer kleineren Region befassen, sondern vielmehr vorformen. Es gibt zum Beispiel einen Verein Alt-Köln, der ganz entschieden perspektivisch in einen Gegensatz tritt zum modernen Köln, der vielleicht mag man sagen gesichtslosen Metropole, aber so etwas wie eine Urparzelle beackert, weil man darin den eigentlichen historischen Kern sieht. Und das sehen wir viele Orte, also noch eine Reduktion innerhalb der Reduktion, was vielleicht aus Nostalgie oder aus Traditionsbedürfnissen jedweder Art, oft aber auch eben sehr der sehr individuellen Lebenswelt der Menschen, die darin tätig sind, sich erklärt.
Lay: Meier spricht hier in seiner Rede davon, dass diese zu gründende staatliche Stelle nicht nur die Aufgabe der Geschichtsforschung haben sollte, sondern eben auch die Erforschung der Volkskunde sollte wissenschaftlich und planmäßig, um ihn mal zu zitieren, erforscht werden. Und tatsächlich wurde die Kommission ja als Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung gegründet. Jetzt hat man diesen Zusatz Anfang der 2000er abgelegt. Womit ist das zu erklären?
Laux: Der Begriff Volksforschung ist, das liegt nahe durch die nationalsozialistische Zeit komplett kontaminiert und insofern vielleicht auch mit einer gewissen Übersensibilität gemieden im heutigen Jargon und auch bei der Benennung von Institutionen. Wenn man sich einen Geschichtsverein oder eine Kommission als eine aufgeschlossene, weltoffene, kosmopolitische Institution vorstellt und nichts anderes wollen wir sein, dann gibt es aber eben auch einen grundsätzlichen Widerspruch gegenüber der Idee eines Volkes, und zwar nicht erst in nationalsozialistischer Zeit, die Vorstellung anhaftete, dass das Volk homogen ist, kohärent, positiv ausgedrückt, negativ ausgedrückt, dass das Volk als solche, man sprach vom westfälischen Volk, dass dieses Volk nicht durch Fremde in einen Mischzustand gebracht worden sei. Mit anderen Worten, also eine radikalisierte Vorstellung von Volkstum auch auf der regionalen Ebene setzt voraus die Verleugnung von Pluralität, von Multikulturalität. Das entspricht einer Tendenz der älteren Landesgeschichte, nämlich diese Pluralität zu negieren, die über viele Jahrzehnte, vielleicht bis in die 1970er-Jahre dominierte. Davon wollen wir weg, davon müssen wir auch weg als moderne Historikerinnen und Historiker.
Auch deswegen sprechen wir nicht von Volk, weil wir wissen, Volk sind Menschen, und Menschen sind bunt und vielfarbig, und das nehmen wir zur Kenntnis und machen wir auch zur Devise unserer Publikationen und auch Editionen, diese Vielfarbigkeit abzubilden.
Teil 4: Gespräch mit Gabriele Clemens und Joachim Conrad
Lay: Der nächste Abschnitt behandelt den Historischen Verein für die Saargegend und sein Verhältnis zur Historischen Kommission. Dazu habe ich mit Gabriele Clemens und dem Vorsitzenden des Vereins, Joachim Conrad gesprochen.
Meine erste Frage geht an Joachim Conrad. Herr Conrad, die Kommission wurde 1951 gegründet. Der Historische Verein für die Saargegend ist deutlich älter. Welche Rolle spielte der Verein für die Erforschung und die Vermittlung der Geschichte des Saarraums, bevor es die Kommission gab?
Conrad: Also unser Verein ist 1839 gegründet und das ist natürlich eine Zeit, in der das Bildungsbürgertum eine große gesellschaftliche Rolle gespielt hat. Und da lag auch Landesgeschichte gewissermaßen in der Luft. Das sieht man daran, dass unmittelbar danach 1851 Friedrich Kölner die erste Darstellung der Nassau-Saarbrückischen Geschichte vorgelegt hat. Wenige Jahre darauf, der Rektor des Ludwigsgymnasiums, Prof. Schröder, eine Darstellung der römischen Niederlassung im Saarraum. Und parallel war natürlich im Raum die Frage, wer übernimmt eigentlich die Sammlungen? Alles, was ergraben wurde, landete in Trier. Das hat etwas mit der politischen Struktur zu tun, ist ins heutige Landesmuseum nach Trier gekommen. Und das war natürlich für die Leute, die in der Saargegend wohnten, keine Option, sondern das Interesse, möglichst selbst zu sammeln.
Und damit hat der Historische Verein zwei wesentliche Funktionen gehabt. Er sammelt das Bürgertum, das sich für Geschichte interessiert und begeistert und er sammelt im wahrsten Sinne des Wortes die Altertümer, damit sie hier der Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Und das sind bis heute die zwei Stützen dieses Historischen Vereins.
Lay: Also Sammeln und auch die Erforschung der Altertümer, das müsste man vielleicht auch noch mal ganz kurz in den Kontext setzen. Frau Clemens, die Forschungsinfrastruktur, sage ich jetzt mal, im 19. Jahrhundert gerade was Archäologie betrifft, kann man sich das auch so vorstellen wie heute, dass es da Universitäten gab oder waren das tatsächlich hauptsächlich diese Vereine, die das gemacht haben oder Privatiers?
Clemens: Also am Anfang standen wirklich Vereine, die die archäologischen Grabungen übernommen haben oder, wenn was gefunden wurde, geborgen haben. Also in Trier war das ja ganz früh die Trier Gesellschaft für nützliche Forschungen. Es gab überall in Deutschland vor 1848 schon zahlreiche Vereine, die sich die Altertumskunde ja, es war ihre Herzensangelegenheit, die universitäre Archäologie, entwickelt sich deutlich später. Diese Vereine waren natürlich auch nicht unumstritten. Zum Beispiel Mommsen hat sich über sie mokiert, also dass diese Kreisphysiker und Lehrer da mehr Schaden anrichten mit ihren Aktionen als Gutes tun. Aber sie haben viel zur Bewahrung der Altertümer beigetragen. Irgendwann aber so in den 70er-, 80er-Jahren, 90er-Jahren sind ihnen aber häufig die Sammlungen über den Kopf gewachsen. Und dann ist der Staat eingeschritten und hat diese Vereinssammlungen dazu genutzt, Museen zu gründen. Also das Trierer Museum oder auch das Bonner Landesmuseum. Die wichtigsten Sammlungsstücke, die die haben, kommen von den alten Geschichtsvereinen.
Lay: Ja, dann spiele ich den Ball doch gerade wieder zu Herr Conrad rüber. Wir hatten im Vorfeld schon kurz darüber gesprochen. Wie sieht es denn mit der Sammlung des Historischen Vereins aus? Also wo ist die zu sehen? Wo liegt die? Und welche Glanzstücke, frage ich jetzt einmal, sind denn da dabei?
Conrad: Also zuallererst muss ich mal Frau Clemens dringend Recht geben. Die Vereine haben den Überblick verloren und der Historische Verein für die Saargegend hat ihn leider auch verloren. Das heißt, wir haben zum Beispiel Bodenfunde im Landesdenkmalamt. Und das Landesdenkmalamt ist gerade dabei, die zu katalogisieren, weil wir nicht mehr genau wissen, was uns gehört. Da sind überall wahrscheinlich Schilder dran und Nummern, alte Nummern. Aber es gibt eben keine ordentlichen Kataloge. Dann haben wir halt die alte Sammlung in Saarbrücken im Saarlandmuseum. Da sind große Teile der Sammlung, sind auch uns. Und im Depot befindet sich das Gros dieser Sammlung. Und auch da haben wir den Überblick verloren und versuchen, jetzt gelinde gesagt, seit 40 Jahren ihn zurückzugewinnen, haben mittlerweile, glaube ich, 30 verschiedene Listen, die sich widersprechen und die dann mit dem Staat abgeglichen werden müssen. Wem gehört hier eigentlich was? Das ist nicht sehr erfreulich. Aber wir sind auf einem guten Weg und ich hoffe, dass zu meinen Lebzeiten das noch abgeschlossen wird.
Glanzstücke sind natürlich bedeutende Gemälde zur saarländischen Geschichte, Schlossbrand etwa oder solche Gemälde. Aber auch eine Kuriosität, die ich immer gerne erwähne, der Saarbrücker Galgen. Der Saarbrücker Galgen steht leider im Fundus. Wäre ein hübsches Ausstellungsobjekt, wenn man mal eine Ausstellung machen würde über Rechtsgeschichte in der Saargegend. Da könnte das Landesarchiv noch wunderbare Prozessakten dazu liefern zu Morden und zu Hexenverfolgungen und was alles in Frage kommt. Das könnte eine bestimmt gut besuchte Ausstellung werden, wenn man sich diesem Thema mal widmen würde. Und wir hätten das Paradestück, nämlich den Galgen.
Lay: Das hört sich doch vielversprechend an. Ja, also Sammlung innerhalb von fast 200 Jahren jetzt. Natürlich kommt da einiges zusammen und ich denke, gerade auch in so einem großen Zeitraum lässt sich der Überblick verlieren. Gerade wenn zwei Weltkriege dazwischen kommen und einer, der eben auch an der Saar massiv ausgefochten wurde als Grenzland. Jetzt war es ja so, dass während des Dritten Reiches der Verein verboten war bzw. gleichgeschaltet, die Vereinslandschaft generell. Und Anfang der 50er Jahre bzw. Ende der 40er Jahre, als die neue Landesregierung eben in Amt und Würden war, stand ja die Vereinszulassung noch unter Vorbehalt der französischen Militärregierung des Hohen Kommissariats. Jetzt wurde 1951 die Kommission für saarländische Landesgeschichte gegründet. Der Historische Verein, glaube ich ein Jahr früher, also 1950, 1949 wurde er wieder zugelassen. Wie sah denn der Historische Verein, wenn Sie das sagen können, diese Neugründung der Kommission? War das eher als Konkurrenz zu verstehen oder wie sah man auf diese Kommission für saarländische Landesgeschichte?
Clemens: Wenn ich vielleicht einflechten darf, es gibt ja einen berühmten Landesgeschichtler Karl Lohmeyer. Und Karl Lohmeyer, der nur Mundart sprach, pflegt immer zu sagen, die Heimatforscher sind die, die sich immer kloppen. Und das ist dann entsprechend die Reaktion auch, die ist geteilt. Also große Teile der Führungskräfte im Historischen Verein waren Mitglieder der Kommission und sind es bis heute. Also wenn man die Kommissionsmitglieder durchzählt, da ist der Historische Verein massiv drin vertreten, in der Kommission. Es gab aber auch genau die, auch im Verein, die meinten, das sei eine Konkurrenz und das schade dem Verein. Und da gab es entsprechend auch Scharmützel zwischen den einzelnen Mitgliedern, aber das liegt in der Natur der Sache. Heute ist das, wie sagt man so schön, neu-deutsch der Tropfs gelutscht. Die Menschen, die an der Landesgeschichte interessiert sind, daran arbeiten, sind allein schon wegen der Rahmenbedingungen gezwungen, an einem Strang zu ziehen. Und wir haben heute wirklich ein hervorragendes Miteinander. Wir machen gemeinsame Projekte, wir spielen uns Bälle gegenseitig zu, dass man wirklich sagen kann, das geht hier vorbildlich im Saarland.
Lay: Dann noch vielleicht auch die Frage an Frau Clemens. Frau Clemens, was bedeutete diese Gründung generell für die Landesgeschichte, also die Gründung der Historischen Kommission? Eine Ergänzung vorhandener Strukturen, eine Neuordnung der Zuständigkeiten, wie kann man da drauf sehen?
Clemens: Nun, vielleicht springen wir schon mal zurück ins 19. Jahrhundert. Da wurden Historische Kommissionen in vielen Einzelstaaten, Ländern gegründet, weil an den Universitäten wurde in erster Linie gelehrt und in den Vereinen wurde nicht unbedingt auf höchstem Standard geforscht. Das hat man denen im 19. Jahrhundert gerne vorgeworfen. Und diese Historischen Kommissionen sollten ganz harte Wissenschaft betreiben, in erster Linie Quellen edieren. Und dort waren in ganz hohen Maße auch Universitätsprofessoren wiederum beteiligt und Archivare und Bibliothekare. Hier im Saarland konnte eigentlich keine entstehen. Die nächste war in Köln, die Gesellschaft Vereinigte Geschichtskunde. Und 1951 war es der Historiker Meyer, der selber schon Erfahrungen gemacht hatte bei Historischen Kommissionen in Westfalen und in Berlin. Er war Universitätsprofessor und er ist dann an den Ministerpräsidenten herangetreten. Die waren ja beide Schüler auch am Trier FWG gewesen, die kannten sich von Jung an. Und er hat ihm vorgeschlagen, wenn wir jetzt schon einen autonomen Staat haben, dann ist auch der Punkt gekommen, wo wir auch eine Kommission auf den Weg bringen sollten. Und vor allen Dingen ist genug Kompetenz an den Universitäten jetzt da. Die Universität und viele der Gründungsmitglieder waren dann auch Universitätsprofessoren.
Lay: Aber einen Lehrstuhl für Landesgeschichte gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht?
Clemens: Nein, und es wurde auch lange Zeit immer wieder von Mediävisten, also die Mediävisten waren häufig die oder eigentlich durchgehend die Präsidenten der Historischen Kommission.
Lay: Wie ist das zu erklären?
Clemens: Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, es sollten auch hier Quellen ediert werden und die Mediävisten sind für Hilfswissenschaften zuständig. Und dass man doch da auch mit diesen Kommissionen Hilfswissenschaften fördern wollte. Auch Erhebungen von statistisches Material wurde erhoben und vor allem sollten auch Quellen editiert werden.
Lay: Wir hatten schon darüber gesprochen, dass ein Unterschied existiert nicht nur in der Mitgliederstruktur. Ich sage mal, dass die Kommissionen kooptieren sich ja eher aus fachwissenschaftlichem Personal, während Vereine deutlich offener sind. Da kann jeder Mitglied werden, der sich das wünscht. Vielleicht die Frage an Herr Conrad. Was kann denn Ihrer Meinung nach ein Geschichtsverein leisten, was eine Kommission kaum leisten kann?
Conrad: Die Kommission wird vielleicht nicht in dieser Weise in die Breite gehen können, wie es der historische Verein kann. Wir sind bei Weitem nicht mehr so stark, wie wir waren, auch nicht so leistungsstark. Ich habe die Akten geordnet und gesehen, dass in den frühen Jahrzehnten jeden Monat eine Studienfahrt war. Jeden Monat eine Studienfahrt zwischen 30 und 40 Personen, die teilgenommen haben. Denn die Teilnehmerlisten sind auch noch erhalten. Und das kann eine Kommission einfach nicht leisten. Die hat natürlich auch nicht, sage ich mal, die Klientel. Die Klientel, die sich so für die, jetzt sage ich bewusst, Heimatkunde interessiert, die hat der historische Verein eben leichter. Und das ist etwas, was der historische Verein mehr leisten kann. Er kann mehr in die Breite gehen. Und das Ziel ist natürlich, in einer großen Öffentlichkeit Interesse für die Geschichte zu wecken. Wenn die Kommission professioneller ist, an vielen Stellen deutlich auch mit ihren Vortragsreihen professioneller ist, wird sie aber unter Umständen die Menschen nicht so erreichen, wie es der historische Verein kann. Und wenn es darum geht, nachher Bewusstsein, auch politisch verantwortlichen Leuten Bewusstsein zu machen für die Geschichte des Landes, wird das nur gehen, indem man die Bevölkerung gewinnt für Geschichte. Und sie begeistert durch Stadtführungen, durch was weiß ich, was einfach an der Zeit ist, damit die Leute sagen, wir haben ja auch Geschichte.
Das Interessante ist ja, die meisten Saarländer besuchen dann in Frankreich oder in England alle Kirchen und alle Burgen. Aber wenn man sie fragt, welche Kirchen und welche Burgen gibt es denn im Saarland, wissen sie in der Regel gar nichts. Sie wissen noch nicht einmal, was über die Saarbrücker Verhältnisse, darunter leiden ja auch die Museen. Denn man muss ja sehen, die Besucherzahlen der Museen sind ja nicht so, wie sie sein könnten. Also insofern muss man wirklich in die Breite gehen. Die politisch Verantwortlichen werden nach der historischen Wissenschaft nur dann fragen, wenn sie sehen, dass die Bevölkerung das auch trägt. Wenn die Bevölkerung es nicht trägt, das ist die Wählerklientel, dann wird sie unter ferner Liefen uns abhandeln.
Lay: Hoffentlich trägt dieser Podcast auch dazu bei, dass die Landesgeschichte ja beliebter wird, bekannter wird, mehr rezipiert wird und auch die Kommission vielleicht etwas bekannter wird. Kommen wir vielleicht zur konkreteren Arbeit. Die Kommission hat eben früh auch sich mit Grundlagenarbeit beschäftigt. Die saarländische Bibliografie war beispielsweise eine Initiative der Kommission für saarländische Landesgeschichte. Die ganzen Quellenerschließungen, also man hat ja erstmal geschaut, was gibt es überhaupt in Archiven außerhalb des Saarlandes? Es gab ja noch kein Landesarchiv, beziehungsweise das stand erst in der Gründung. Dann die Pflege von beispielsweise kirchlichem Archivgut. Wie wichtig ist denn ein solches Projekt für die landeshistorische Forschung?
Clemens: Die Kommission hat sich seit ihrer Gründung massiv gewandelt. Also diese Grundlagenforschung ist ganz in den Hintergrund getreten. Und eigentlich sind jetzt die Aufgaben der historischen Kommission denjenigen des Vereins sehr nahe gekommen. Denn am Anfang hat die Kommission die Öffentlichkeit nicht gesucht. Sie wollte Grundlagenforschung machen, Akten edieren, Archivgut sichern. Mittlerweile sieht das Arbeitsprogramm der Kommission ganz anders aus. Die Kommission will auch in die Öffentlichkeit, auch in die breitere Öffentlichkeit hineinwirken. Es werden regelmäßig Ringvorlesungen angeboten und einzelne Vorträge. Dann haben wir lange auch Wanderfahrten oder kulturelle Fahrten angeboten, aber immer nur eine im Jahr. Und was ganz wichtig ist, wir publizieren. Und wir publizieren vor allen Dingen Arbeiten, die an der Universität zur Landesgeschichte entstehen. Und da ist mittlerweile eine beträchtliche Anzahl von Bänden erschienen, wo wir entweder Promotionen zur Landesgeschichte veröffentlichen oder auch jetzt die Vorlesungsreihen, die auch ganz gut nachgefragt werden. Da werden einzelne Vorträge publiziert. Und jetzt gehen wir auch zunehmend an die Öffentlichkeit, indem unsere Vorträge gestreamt werden. Man kann die auch von zu Hause aus sich anschauen. Und wir werden jetzt auch regelmäßig Podcasts auf den Weg bringen, um mehr für die Landesgeschichte zu werben und breitere Schichten zu erreichen.
Lay: Dann die Frage zur Zukunft gewandt. Was wäre denn die Erwartung des Historischen Vereins heute oder beziehungsweise in Zukunft an die Kommission hinsichtlich Arbeit der Kommission an sich oder Zusammenarbeit?
Conrad: Also wir können aus eigener Kraft vieles nicht mehr leisten. Also das merkt man. Also Fahrten, wie wir sie hatten, Studienfahren, finden fast gar nicht mehr statt. Da braucht es immer einen Partner. Wir hatten jetzt gelegentlich die Evangelische Akademie als Partner, die eben ein festes Netzwerk von Menschen hat, die sie für so etwas begeistern kann. Und wenn wir zusammen so etwas in die Hand nehmen würden, würden wir mit den Möglichkeiten vielleicht wirklich nochmal was zustande kriegen. Aber dass man auch sich gegenseitig die Bälle zuspielt. Also die Kommissionsreihe, das sind eben Werke, die in ihrem jeweiligen Bereich wahrscheinlich Standardwerke sind, wenn man das so sagen darf. Und wir liefern daneben die Publikationsreihe der Zeitschrift für Geschichte der Saargegend als wissenschaftliches Periodikum und sind froh für jeden gescheiten Beitrag, den wir veröffentlichen können, auf den man sich verlassen kann, der solide geforscht ist. Das heißt, wenn die Kommission uns dann junge Leute, die wir für die Geschichte auch gewinnen wollen, rüberschiebt, sage ich mal ganz bewusst, mit ihren kleineren Beiträgen, die wir dann veröffentlichen könnten. Frau Clemens, ich war vor kurzem in Gespräch wegen einer Arbeit über Freiherrn von Stumm. Das wäre einfach richtig schön, wenn dadurch ein Geben und Nehmen entsteht. Und wir sind das Forum, das das Periodikum hat. Die Kommission ist das Forum, das die Reihe hat. Die Veranstaltungsreihen machen wir oft auch mit anderen zusammen, mit dem Stadtarchiv und so weiter. Und dass wir überall da, wo es möglich ist, versuchen, Synergien zu entwickeln, dass wir in der Öffentlichkeit auch wirklich nicht als Konkurrenten, sondern als die wahrgenommen werden, die im Interesse dieses Landes an einem Strang ziehen.
Clemens: Ja, also an meinem Lehrstuhl entstehen häufig sehr gute Staatsexamensarbeiten. Und da wäre es schade, wenn die in der Schublade verschwinden würden. Und genau da wäre dann der historische Verein mit im Spiel, dass wir diese Staatsexamensarbeiten wenig kürzen, aber dann in der Zeitschrift für die Geschichte der Saar-Gegend veröffentlichen könnten. Und man muss auch sagen, dass viele Mitglieder jetzt im Verein, die kommen ja auch von den Lehrstühlen, von der Kultur- und Mediengeschichte, von der Zeitgeschichte, aber auch von meinem Lehrstuhl zur Geschichte des langen 19. Jahrhunderts und Landesgeschichte. Und ich finde, die bringen schon auch frischen Wind in den Verein hinein, aber auch in die Kommission.
Conrad: Wenn ich es vielleicht noch gerade ergänzen darf, allein schon die Saargeschichten. Das ist ja das zweite Periodikum des Historischen Vereins in Zusammenarbeit mit dem Landesverband. Das wird ja im Wesentlichen heute verantwortet von den jungen Historikerinnen und Historikern der Universität und damit letztlich der Nachwuchs der Kommission. Und das ist äußerst erfreulich, wie da die Synergien entstanden sind. Und da bin ich auch richtig froh dafür, dass das so gekommen ist und dadurch hat das Ganze auch Zukunft.
Teil 5: Gespräch mit Christoph Cornelißen
Lay: Prof. Dr. Christoph Cornelißen, mit dem ich im nächsten Teil der Folge spreche, wird am 8. Juni den Festvortrag in der Staatskanzlei des Saarlandes anlässlich des 75. Jubiläums der Kommission halten. Darin wird es um Herausforderungen und Perspektiven dieser Institutionen im 21. Jahrhundert geben. Ich habe etwas vorgegriffen und ihn gefragt, was für Herausforderungen er sieht.
Cornelißen: Naja, wir leben ja schon seit immerhin 25, 26 Jahren in diesem 21. Jahrhundert und können insofern einerseits zurückschauen und auf der anderen Seite natürlich auch nach vorne schauen. Nach vorne schauen heißt, es geht für die Kommission schlichtweg, um es dramatisch zuzuspitzen und ums Überleben, also die Fortexistenz ihrer Tätigkeit, die ja nicht sozusagen verfassungsmäßig festgeschrieben ist, sondern immer wieder neu erarbeitet werden muss und mit neuen attraktiven Angeboten ausgestattet werden muss, damit historische Kommissionen Sinn machen. Sie haben das in den letzten Jahren und Jahrzehnten trefflich getan, aber Kommissionen allgemein in der Bundesrepublik und auch die Kommission im Saarland haben ein derartig ehrwürdiges Alter, wenn ich jetzt richtig zähle, 75 Jahre im saarländischen Fall erreicht und das ist normalerweise ein Stadium, wo man sich Gedanken machen muss, wie es denn weitergehen kann und was man vielleicht besser machen muss, damit es noch sozusagen dabei bleiben kann.
Lay: Der klassische Auftrag der Kommission ist ja, Quellen sichern jetzt im saarländischen Fall als neues Bundesland damals oder nicht Bundesland, sondern als neues Land, als neues, ich sage jetzt mal, nationales Gebilde. Erst einmal schauen, was für Quellen gab es, diese zu sichern, dann die Forschung zu bündel und dann eben auch die Quellen zu publizieren. Das sind ja sozusagen die klassischen Aufgaben historischer Kommissionen. Spielt das oder wird das in Zukunft noch eine Rolle spielen?
Cornelißen: Das muss eine Rolle spielen, weil wenn es die historischen Kommissionen nicht machen, macht es kein anderer. Das ist sozusagen die Ersatzfunktion, die historische Kommissionen auf jeden Fall wahrnehmen sollten, weil sie sozusagen damit auch einen politischen Auftrag in der Regel erfüllen. Insofern die Herausgabe der Kabinettsprotokolle oder auch anderer parlamentarisch wichtiger Veranstaltung gehört in der Regel mit zu dem Publikationsprogramm. Es geht darum, dass man die Dinge, die vor Ort wichtig sind, die historisch gewachsen sind, die sozusagen mit den Beständen vor Ort auch nur gemacht werden können, dann eben auch durch die historischen Kommissionen, die für das Land oder für ein Territorium, welche auch immer sich zuständig erklären, gemacht werden sollte. Das ist Teil ihrer professionellen Herkunft, das ist das, was sie gut können und wo sie dann auch gewissermaßen ihre Expertise zum Spiel bringen können. Die Frage, die sich natürlich daran anschließt, ist, kann das alles sein, soll das alles sein und was kann man dazu ergänzen, um gewissermaßen das, was herkömmlich das Traditionsgerüst dieser Kommission waren, um es auszuweiten, um es auch ein bisschen weiter in die Zukunft zu denken und sich zu fragen, was kann man anderes noch tun, um es vielleicht für Dritte, Vierte attraktiver zu machen.
Lay: Was wäre das beispielsweise, also spielt da die Digitalisierung auch eine Rolle?
Cornelißen: Ja, die Digitalisierung spielt zwangsläufig eine Rolle und das gilt ja natürlich nicht nur für das Saarland, sondern das gilt, ich sage das jetzt mal so etwas provokativ, reichsweit und das gilt überall. Das gilt für alle Generationen und das gilt eigentlich über das hinaus, was wir normalerweise unter Digitalisierung begreifen. Es geht ja nicht darum, dass wir jetzt anfangen, alles das, was wir früher in manuell aufgezeichnet haben, dann durch Computer-Scan-Programme, dann durch jetzt KI-gestützte Programme noch schneller, noch effektiver aufzuzeichnen. Das ist nicht mit Digitalisierung gemeint, sondern wir denken gerade die Welt neu: Digitalität und Digitalisierung, wir heißt also wir als Bürgerinnen und Bürger und gleichzeitig als Historiker und Historikerinnen.
Was daraus werden wird, mittelfristig, langfristig, wissen wir nicht. Das ist im Moment eine der ganz großen Fragen und deswegen kann ich Ihre Frage auch natürlich nur rein hypothetisch zunächst einmal versuchen, etwas stärker einzugrenzen. Was wir glaube ich tun müssen, ist mit der Digitalisierung neue Fragestellungen zu generieren, die bislang in dem Maße nicht denkbar waren und auch nicht durchführbar waren. Und das gilt natürlich auch für die Kommission. Das heißt, wir können jetzt bestimmte Dinge versuchen zu untersuchen. Das hängt viel mit der Aufnahme von Massendaten zusammen, die eben weil sie Massendaten waren, so schwer zu verarbeiten waren, die über die künstliche Intelligenz wahrscheinlich demnächst zugänglicher und besser verknüpft werden. Beispiel aktuell, die Öffnung der Archive des Berlin Document Center, die Nachfrage, ob Opa oder Oma Nazi waren. Das kann natürlich auch eine Frage für das Saarland sein. Das ist ja ganz einfach. Und das können Sie jetzt mit ein paar Klicks relativ günstig, indem Sie Orte und Namen eingeben, nach und nach ermitteln. Ich meine, das ist vielleicht nicht die erst liegende Fragestellung, die eine historische Kommission betrifft, aber die wahrscheinlich für Auftrieb und für Aufmerksamkeit sorgen wird.
Lay: Sie hatten eben davon gesprochen, von einer Art politischem Auftrag, den historische Kommissionen haben. Wir hatten schon mit Herrn Prof. Joachim Conrad gesprochen, Vorsitzender vom Historischen Verein. Der hat gesagt, dass jetzt wahrscheinlich nicht allein für den Saarländischen Fall, aber speziell für den Saarländischen Fall ist natürlich auch Aufgabe des Historischen Vereins, aber eben auch der Historischen Kommission dann in Kooperation ist und es darum gehen wird, Landesgeschichte in die Bevölkerung zu tragen, um dafür zu interessieren. Weil wenn sich niemand dafür interessiert, wird die Politik irgendwann sagen, brauchen wir nicht, kann weg, um es jetzt mal etwas zugespitzt zu sagen. Würden Sie sagen, das wäre auch eine Aufgabe historischer Kommissionen und haben historische Kommissionen an und für sich ein Sichtbarkeitsproblem?
Cornelißen: Ja, das sind zwei Fragen. Das Sichtbarkeitsproblem haben Sie, um damit am Ende anzufangen. Das haben aber nicht nur die Kolleginnen und Kollegen im Saarland. Jedenfalls ist das so meine Wahrnehmung, die vor Ort gerne auch zum Positiven gewendet werden kann. Aber es ist, glaube ich, nicht so, dass die Publikation der Kommission oder auch die sonstigen Veranstaltungen jetzt durch Überlaufenheit sich auszeichnen. Und das ist ein Problem, das muss man ehrlicherweise, glaube ich, nennen dürfen. Viele Kommissionen haben nicht mehr die klassische Funktion, klassische Funktion eines Transmissionsriemens zwischen Gesellschaft, vor Ort, der Provinz, dem Land und der Wissenschaft. Das war sozusagen das, was Kommissionen sehr gut konnten in einer spezifischen Phase, meistens in der Gründungsphase. Die ist ja unterschiedlich lang, aber wir haben ganz alte Vereine, die sind heute über 125 Jahre alt oder eben die junge saarländische Kommission mit 75. Das ist sozusagen ein Teil ihrer DNA zu Beginn der Entstehung. Das hat sich bedingt durch die Strukturen unserer neuen Kommunikationsformen, also Kurz-Internet, WWW-Pünktchen und so weiter, hat sich dies natürlich erheblich verändert. Und die Kommunikationskanäle laufen oft parallel zu den Kommissionen, zu anderen Institutionen, die lange schon in der Welt sind. Insofern ist mein Eindruck, hat sich diese Funktion weitgehend erschöpft.
Was jetzt den ersten Teil angeht, die politische Dimension, wenn die Landesgeschichte, die Landeshistorischen Kommissionen nicht die Landesgeschichte betreiben, wer sonst? Das würde ich sozusagen versuchen, zweischichtig zu beantworten. Zum einen müssten und tun die Kommission Gutes daran, durchaus ein landeshistorisches Programm weiter aufzulegen und in die Bevölkerung gewissermaßen hineinzutragen. Auf welche Art und Weise muss man im Einzelnen schauen. Man wird da sicherlich über Publikationsformen nachdenken müssen, über Formate, vielleicht auch Ausdrucksweisen, Ansprachen und vieles andere mehr. Das ist die eine Seite. Und dann geht es natürlich darum, sozusagen auch vielleicht, wenn man über Politik redet, sozusagen nochmal als Verständnis der Kommission selber zu hinterfragen, was es bedeutet, Landesgeschichte zu betreiben? Heißt das, sozusagen saarländische Identifikationsmuster anzubieten? Heißt das, Saarländer zu Saarländerinnen und Saarländern zu machen, also über historische Bildung? Oder ein kritisches Bewusstsein gegenüber dem Geschehen vor Ort vor der eigenen Haustür zu entwickeln? Das sind ja nicht unbedingt identische Dinge. Also identitätsbildende Geschichte ist eine Geschichte, die aus meiner Sicht in den letzten Jahrzehnten zunehmend in die Kritik geraten ist. Und wir sollten vorsichtig sein, uns jetzt zu sehr auf dieses alte Boot zurückzubewegen, weil das bringt dann andere zum Kentern. Und da will ich jetzt gar nicht auf bestimmte politische Verhältnisse in der Gegenwart anspielen. Aber man sollte sehr vorsichtig sein mit dem politischen Anspruch der Identitätsbildung. Eine kritische Auseinandersetzung, das ist nochmal mein Punkt, mit dem Geschehen vor Ort und kritisch meint jetzt nicht per se negativ eingestellt gegenüber dem, was da ist, sondern eine hintergründige mit wissenschaftlichen Methoden angereicherte Form der Betrachtung der Vergangenheitsmuster vor Ort. Das ist die Aufgabe von Kommissionen. Die können sie erledigen, die können sie unterstützen zumindest.
Lay: Würden Sie dann sagen, dass sich historische Kommissionen auch öfter und lauter in politische Debatten, wenn es gerade um geschichtspolitische Debatten geht, einmischen sollten oder da zumindest eben Beiträge leisten sollten, wenn es zum einen darum geht, Sichtbarkeit zu zeigen, zum anderen eben ja vielleicht eine kritische oder kritisch mit mit irgendeiner Identitätsbildung umzugehen?
Cornelißen: Ja, das liegt ein bisschen an dem Politikbegriff. Ich meine, wenn Sie parteipolitisch meinen, wird es natürlich immer schnell kompliziert. Das hängt dann von den saarländischen Verhältnissen und den Verhältnissen jeweils vor Ort ab, ob man dann auf der richtigen Seite steht oder nicht. Da wäre ich vorsichtig, das zu parteipolitisieren. Da muss man gewissermaßen ein bisschen Distanz zu wahren. Das ist das Erste. Das Zweite ist, sich zu beteiligen an allgemeinen Debatten. Diese Art, über die wir gerade gesprochen haben, also Identitätsbildung, auch die Bilder im Saarland zu hinterfragen, die ja jahrzehntelang auch durch die Geschichtswissenschaften mitkonstruiert worden sind. Das gehört, glaube ich, mit zum Standard mittlerweile der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung und zwar ja überall. Ich erinnere meine eigene Tätigkeit im Saarland. Da war das ja auch schon üblich, dass man das nicht mehr so einfach per se statuiert hat, sondern hintergründig hinterfragt hat, wie sozusagen die Industriekultur und auch das, was danach gekommen ist, eben die Bewusstseinslagen der Bevölkerung vor Ort beeinflusst hat. Das würde ich weiterhin für notwendig halten. Sich ansonsten in Debatten einzuschließen, dort hineinzubegeben, ist immer gut. Sie müssen nur Leute in diesen Kommissionen haben, die es auch können und die es auch wollen. Das ist sozusagen bei den Kolleginnen und Kollegen, ich meine jetzt überhaupt keine konkreten Personen in der aktuellen Kommission im Saarland, sondern allgemein bei historischen Kommissionen, nicht per se einfach so vorauszusetzen. Das erfordert ja ein gewisses Talent, das erfordert die Bereitschaft und es erfordert auch sozusagen die Kenntnisse, sich in bestimmten Debatten mit den Informationen, die man hat, dann auch darin zu engagieren. Sonst verbrennt man sich die Finger dabei. Und für die Kommission ist es natürlich gut, wenn sie Titel, wenn sie Events, wenn sie Dinge veranstaltet, in der sie auch politisch gehört wird, das kann man auf jeden Fall festhalten. Man muss das aber mit, wenn ich das so etwas vorsichtig sagen darf, mit Verstand tun. Das ist nicht immer so ganz einfach. Mit Verstand heißt, mit einer gewissen Geschicklichkeit und auch dem Versuch, das aus den parteipolitischen Händeln herauszuhalten, weil sonst ist man natürlich schneller ein Mitakteur und dann eben ein Kämpfer an einer Front, wo man vielleicht besser sich nicht befindet.
Lay: Dann die abschließende Frage wäre an Sie. Was würden Sie denn sagen? Sie haben ja eben gesagt, das 21. Jahrhundert ist ja jetzt schon ein Vierteljahrhundert alt. Was würden Sie denn historischen Kommissionen im Allgemeinen, vielleicht der saarländischen Kommission im Spezifischen, für das nächste Vierteljahrhundert mitgeben? Was wären da Aufgaben, Aufträge, die Ihrer Meinung nach zu erfüllen wären?
Cornelißen: Ja, ich gehe hier nicht an, gewissermaßen mit erhobenem Zeigefinger Aufträge zu erteilen, aber Wünsche kann ich versuchen zu formulieren. Die Wünsche wären zum einen die Vorzüge der saarländischen geopolitischen Lage, konkret Grenzlage nach Frankreich hin, natürlich nach Luxemburg, bis in den belgisch-niederländischen Raum hinein, wenn man das so sehen will, dass das vielleicht stärker akzentuiert werden würde. Das ist das Erste. Dass man versucht, sozusagen Internationalisierung, das ist ja so ein Schlagwort, was immer gerne benutzt wird, aber was man hier konkret so begreifen kann, in dem Sinne, dass das Personal der Kommission stärker internationalisiert wird. Dass man versucht, jedenfalls Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland stärker zu rekrutieren, als das, soweit ich das bisher erkennen kann, bislang geschehen ist. Das hat natürlich auch mit Problemen auf der anderen Grenzseite zu tun, das weiß ich. Aber ich würde meinen, dass man mit internationalen Kräften arbeitet, sich das Panorama der Kommission deutlich nochmal verändern würde.
Das betrifft die Personelseite, dann die inhaltliche Seite. Da kann man sich mittlerweile neue Projekte vorstellen, Projekte, die bislang noch nicht gemacht worden sind. Die Kommissionsstatuten sehen ja geradezu vor, dass man transnational, transfergeschichtliche Arbeiten anlegt. Und sie fördert und auch sozusagen mit Blick auf die Verhältnisse jenseits der eigenen Grenze, und zwar in alle Richtungen, ich meine gar nicht nur nach Frankreich, versucht, Projekte aufzulegen, die die Verbundenheit und Verflechtung des Saarlandes mit anderen Territorien in den Blick nehmen. Es gibt eine interessante Forschungsrichtung, die unter dem Oberbegriff der Infrastrukturen läuft. Das ist mittlerweile eine denkbare Komponente, die seit über 20 Jahren eigentlich in der Diskussion ist. Das wäre so ein Beispiel, ein Forschungsfeld, in dem man sozusagen, und damit meine ich jetzt nicht nur die Pipelines im engeren Sinne, sondern die Kommunikationsröhren, die wirtschaftlichen Verbindungslinien und auch natürlich die geistigen Produkten, die Wanderung von geistigen Produkten. Wenn man diese Art von Forschungsfeldern sich anschaut, und da könnte man jetzt weitere Beispiele noch nennen, könnte sozusagen das Saarland stärker eine Außenwahrnehmung fördern bei den Nicht-Saarländern und Saarländern. Und dadurch sozusagen mehr ins Gespräch kommen, auch in den nationalen und internationalen Debatten. Vielleicht mehr, als das im Moment schon der Fall ist. Man kann sich da vieles Weitere denken. Das ist mir völlig klar. Das hängt natürlich am Personal, das hängt an den sächlichen, an den finanziellen Voraussetzungen. Aber wenn man Kommissionen wirklich so weiterführen will, wie sie sich jetzt im Moment darstellen und ihnen einen Auftrag mit auf den Weg geben will, dann braucht man eines, und das ist mein letzter Punkt, jüngeres Personal.
Ich weiß nicht, ich habe jetzt keinen Altersdurchschnitt der saarländischen Kommissionsmitglieder errechnet, aber es ist in der Regel so, dass alle Kommissionen in der Republik an Überalterung leiden. Überalterung heißt ganz einfach, die Kolleginnen und Kollegen sind so wie ich mittlerweile im Pensionsalter angelangt oder kurz davor. Und es ist dringend notwendig, jüngere und jüngste Mitglieder, wenn nicht Mitglieder, aber zumindest Interessierte für diese Veranstaltung zu gewinnen. Und sie mögen mich da alles besser und korrigieren und sagen, das ist im Saarland alles anders. Aber meine Erfahrung als Kommissionsvorsitzender in verschiedenen Zusammenhängen, Mitglied auch in vielen historischen Kommissionen, würde mir sagen, da muss ich was tun.
Lay: Absolut, absolut. Also ich kann aus Sicht der saarländischen Kommission sagen, wir arbeiten daran. Da hat sich in den letzten Jahren schon ein bisschen was getan. Aber man muss natürlich auch immer sehen, woher nimmt man die Persönlichkeiten. Meistens werden die ja aus Kreisen rekrutiert, die Rang und Namen haben, also meistens Lehrstuhlinhaberinnen und Inhaber oder Leitungen von Archiven. Wir schauen auch, dass Experten von anderer Stelle gewinnen. Dann danke ich Ihnen vielmals für das Gespräch und bin auch gespannt auf den Vortrag.
Teil 6: Schlussgespräch mit Gabriele Clemens und Stephan Laux
Lay: Im letzten Abschnitt bin ich noch einmal auf einzelne Punkte von Herrn Prof. Cornelißen eingegangen und habe diese mit Gabriele Clemens und Stephan Laux diskutiert.
Ich würde zwei Punkte zusammenfassen, die Herr Cornelißen gesagt hat und zwar das eine Mal er warnte vor einem alten identitätspolitischen oder identitätsbildenden Auftrag. Das andere ist eine Internationalisierung, man kann vielleicht auch sagen Pluralisierung, gerade für das Saarland jetzt als Grenzlage. Zum einen wäre die Frage, wie sehen Sie beide das mit diesem identitätsbildenden Auftrag? Wie ist der zu verstehen? Und auf das Saarland jetzt spezifisch: gehört dazu eben auch diese Grenzlage, diese Anbindung auch an oder der Blick nach Frankreich zur Großregion. Und dann an Sie nochmal speziell die Frage, Herr Prof. Laux, wie sieht denn diese Mitgliedschaft, was ja bei der Kommission der Fall ist, mit Mitgliedern aus Elsass-Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und so weiter, wie sieht das in anderen Kommissionen zum Beispiel bei der Gesellschaft aus?
Clemens: Identitätsbildung, ich habe kein Problem damit, dass wir in unserer Kommission die saarländische Identität stärken, aber natürlich im Rahmen der Großregion. Wir machen nicht an den Grenzen Halt, wir haben auch Mitglieder aus den Nachbarländern und wir sehen uns also mitten im Herzen der Großregion. Und ich denke, auch demokratische Werte weiterhin zu stärken ist eine Aufgabe der Geschichtswissenschaft und auch der Kommission.
Laux: Dem kann ich mich nur anschließen. Gleichwohl möchte ich betonen, dass Teil oder Voraussetzung von Identitätsbildung auch die Urteilsfähigkeit ist, in diesem Fall die Urteilsbefähigung in historischen Kontexten. Und ich denke, ich darf für beide Kommissionen sprechen, wenn ich sage, ja einerseits wir sensibilisieren gewissermaßen für eine regionale Identität im Sinne der Reflektion der Besinnung, auch mit einer gewissen Emotionalität, die damit verbunden sein darf. Aber es ist uns eben auch ganz zentral darum zu tun, mit Publikationen jedweder Art Menschen in ihrem historischen Nachdenken auf die Sprünge zu helfen, gewissermaßen bzw. sie zu befähigen und nicht dem breiten, leider breiten Angebot, so genannter alternativer Medien oder Geschichtsmedien zum Opfer fallen zu lassen. Also wenn wir einen Beitrag dazu leisten können, Fake News oder Fake Truths zu widerlegen, dann tun wir das je auf unsere Art und Weise. Das ist, wenn man so will, auch eine Tätigkeit, die mit Identitätsbildung, aber nicht im Sinne einer Vorgabe, sondern mit einer Öffnung und auch einer Sensibilität zu verbinden ist.
Lay: Letzte Frage. Was würden Sie sagen, ist die Aufgabe von Historischen Kommissionen im Allgemeinen der Saarländischen Kommission im Spezifischen für die nächsten 25 Jahre? Welche Aufgaben würden Sie formulieren oder welche Wünsche würden Sie da herantragen? Es ist ja teilweise schon angeklungen, aber vielleicht haben Sie noch was Spezifisches, was Sie dazu sagen wollen.
Clemens: Ich denke, wir sind im Saarbrücken auf einem sehr guten Weg und den würde ich mir wünschen, wenn wir auf diesem Niveau weiterarbeiten könnten, auch die nächsten 25 Jahre, auch mit einer größeren Öffnung gegenüber neuen Medien und neuen Verbreitungswegen.
Laux: Ja, ich möchte mich zunächst einmal dem Wunsch nach Beständigkeit, Konsolidierung anschließen. Wir dürfen nicht blauäugig sein. Unsere Institutionen sind nicht auf unendlich gestellt, sondern sie müssen sich immer wieder auch der institutionellen und finanziellen Sicherung vergewissern. Mein Wunsch, was die Entwicklung der Gesellschaften im Allgemeinen und der von mir vertretenen rheinischen Gesellschaft ist, dass wir die Entwicklung der modernen Geschichtswissenschaft auf eine konstruktive Art und Weise mit vollziehen. Die Geschichtswissenschaft hat sich vor einiger Zeit abgewandt von den großen Staatsaktionen, von den großen Männern, von der allein politischen Geschichte. Die ist nicht abzustellen, aber sie bildet eben doch nur einen Teil der Geschichte. Die Beschäftigung gerade mit regionalen oder lokalen Dingen kann heute mitunter ganz Krause Sachen beinhalten. Das kann reichen, eben halt von einer Kabinettssitzung bis hin zur Dorfdiskothek. Beides hat, wenn begründet, seine Daseinsberechtigung, hat vielleicht auch seine spezifische Kundschaft. Und ja, ich denke, wir wären auch im Sinne unserer Wahrnehmung gut beraten, wenn wir uns immer wieder vor Augen führen, dass sich eben auch die Generationenerwartungen und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten und ihrer Teilhabe verändert und dass sich das auch in unserem Tun in Zukunft abbildet.
Teil 7: Schluss
Lay: Was bleibt zu sagen? Der 7. Juni 1951 war vielleicht kein Datum, das sofort ins Auge springt, wenn man an die großen Wendepunkte der saarländischen Geschichte denkt. Aber an diesem Tag wurde eine Institution geschaffen, die bis heute daran mitarbeitet, saarländische Geschichte zu sichern, zu erforschen und zugänglich zu machen. Die Kommission hat wichtige Projekte angestoßen, wie die Sammlung von Archivgut zu saarländischen Themen oder die saarländische Bibliographie. Erwähnt werden sollte auch, dass auf ihre Initiative hin der Landesdenkmalrat gegründet wurde und sie eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Instituts für Landeskunde im Saarland hatte. Die Organisation der landesgeschichtlichen Forschung war also Kernaufgabe der Kommission in der Gründungszeit.
Durch ihre Netzwerkfunktion ist diese Organisation der landesgeschichtlichen Forschung und die Einbettung in den größeren regionalhistorischen Rahmen immer noch integraler Bestandteil unserer Arbeit, der jedoch weiterhin ausgebaut werden wird, zusammen mit Partnern vor Ort – wie dem Historischen Institut der Universität des Saarlandes, dem Landesarchiv und dem Historischen Verein für die Saargegend – sowie weiteren Institutionen in der Großregion.
Zugleich bleibt Landesgeschichte immer mit Fragen von Identität verbunden. Das wurde in den Gesprächen mehrfach deutlich. Für die Kommission kann es aber nicht darum gehen, einfache Identitätsangebote zu machen oder ein festes Bild „des Saarlandes“ zu bestätigen. Ihre Aufgabe liegt eher darin, solche Bilder historisch zu prüfen: Woher kommen sie? Wer hat sie geprägt? Was blenden sie aus? Gerade in einer Grenzregion wie dem Saarland heißt Landesgeschichte deshalb immer auch, Verflechtungen sichtbar zu machen – nach Frankreich, nach Luxemburg, in die Pfalz, ins Rheinland und darüber hinaus
Wenn Landesgeschichte heute etwas leisten kann, dann vielleicht folgendes: Sie kann Zugehörigkeit verständlicher machen, ohne sie zu verengen. Und sie kann historisches Bewusstsein stärken, ohne in bloße Traditionspflege zurückzufallen.
Und – mit einer Prise Glück, aber vor allem eigenem Zutun – werden wir diese Aufgaben mindestens auch die nächsten 75 Jahre angehen.
Bis dahin: Salut, Glück auf! und bis zum nächsten Mal.
Das war die erste Folge von SaarZeiten, dem Podcast der Kommission für Saarländische Landesgeschichte. Mein Dank gilt Gabriele Clemens, Stephan Laux, Joachim Conrad und Christoph Cornelißen.
Im Namen des Vorstandes der Kommission bedanke ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Unterstützerinnen und Unterstützern der Kommission, die durch ihre Spenden diesen Podcast erst möglich gemacht haben. Ein besonderer Dank geht außerdem an Gunther Finkler, der die Rede von Eugen Meyer zu Beginn dieser Folge eingesprochen hat. Informationen wie Literaturhinweise oder das Transkript zu Folge finden Sie in den Shownotes.

