Nachlass Eugen Meyer, Landesarchiv des Saarlandes. Signatur: NL.MeyerE 29
Mit Dank an unseren Kooperationspartner, das Landesarchiv des Saarlandes.
Anmerkung: Das Originaldokument ist maschinenschriftlich verfasst und trägt den Titel „Die Kommission für saarländische Geschichts- und Volksforschung“. Handschriftlich ist unter dem Titel ergänzt: Rundfunkbeitrag 23/6.51
Inhalt:
Meine verehrten Zuhörer!
Ich möchte heute mit Ihnen über eine Angelegenheit sprechen, die vielleicht nicht das Interesse der großen Masse der Zuhörerschaft erwecken wird, die aber doch, wie ich glaube, die Aufmerksamkeit derjenigen verdient, die sich mit unserer Saarheimat besonders verbunden fühlen. Es handelt sich nämlich um die Frage der Organisation der Saarländischen Landes- und Volksforschung. Dass ich gerade jetzt über diese Dinge zu Ihnen spreche, dafür besteht eine besondere Veranlassung.
Vor etwa drei Wochen sind in Saarbrücken in dem Gelände an der Saar vor dem Halberg Mauerreste von Teilen einer römischen Siedlung zutage gekommen, die das größte Interesse der Fachwelt zu erregen geeignet sind. Es zeigte sich bei diesen Funden, bei denen es sich um Fundamentmauern zweier römischer Wohnhäuser mit Keller, Brunnen, Heizanlagen und so weiter handelte, wiederum, dass hier an der Übergangsstelle der großen alten Fernstraße von Metz nach Mainz im Zusammenhang mit einer Militärstation eine Siedlung von nicht unerheblichem Umfang bestanden haben muss, deren Anlage und Zusammenhang bei den Grabungen mit ungewöhnlicher Deutlichkeit zutage getreten ist.
Es werden hier mitten in der Stadt Saarbrücken historische Überreste einer 2000-jährigen Vergangenheit sichtbar, wie sie hierzulande nicht allzu häufig vorkommen, wenn man von den großen Mittelpunkten wie etwa Trier, Metz oder Mainz absieht. Das, was mich nun aber zu diesen Ausführungen veranlasst, ist nicht die Tatsache, dass wir auch hier in unserem von der Wirtschaft bis zur letzten Möglichkeit in Anspruch genommenen Geschichtsdenkmäler von höchstem Wert besitzen, sondern es ist der Umstand, dass diese Grabungsergebnisse, um die wir sicher von vielen anderen Orten beneidet werden können, wiederum verschwinden und für alle Zeit verschüttet werden. Denn das Gelände an der Saar, auf dem diese Bauwerke zum Vorschein gekommen sind, wird nun für Industrie-Neubauten in Anspruch genommen werden. Das heißt, alles, was da zum Vorschein gekommen ist, wird wieder unsichtbar werden. Die Fachleute, in diesem Fall unser Landeskonservatoramt, haben nur die Möglichkeit gehabt, die Funde aufzunehmen und kartenmäßig festzuhalten, ohne sie aber für die Zukunft retten zu können. Das scheint mir doch zu zeigen, dass hier etwas falsch organisiert ist. Natürlich sind wir uns alle klar darüber, dass gegenüber zwingenden wirtschaftlichen Notwendigkeiten die kulturellen Interessen seit jeher den Kürzeren gezogen haben und wohl immer den Kürzeren ziehen werden, aber es scheint mir, dass man so etwas doch nicht einfach als Tatsache hinnehmen sollte, ohne sich dagegen zu wehren. Dies und andere Fälle, in denen wertvolles Kulturgut, notwendige Aufgaben der Kulturarbeit gegenüber Forderungen wirtschaftlicher Natur vernachlässigt wurden, sind der Grund, warum man nun auch hier bei uns an der Saar versuchen will, die wissenschaftliche Erforschung unseres Landes, unseres Volkes und seiner Geschichte stärker als es bisher geschah, auch in amtliche Obhut zu nehmen.
Es ist vielen von Ihnen sicher bekannt, dass die hier besprochenen Aufgaben, das heißt die wissenschaftliche Erforschung der Landes- und Volksgeschichte, seit etwa 150 Jahren überall in Deutschland und auch anderswo einen großen Aufschwung zu nehmen begann. Es ist ein Vorgang, der sich im Zusammenhang mit der Bewegung der Romantik abspielte und dessen Hintergründe eben aus dieser Lebenshaltung der Romantik und des Biedermeier zu erklären sind. Damals entstanden vor allem auch gerade in dem Rheingebiet Vereinigungen von geschichtlich interessierten Liebhabern, die meist unter der Führung von Fachleuten die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte ihrer Heimatlandschaft und die Veröffentlichung der Quellen dieser Geschichte anstrebten. Wir haben ja hier in unserem eigenen Lande den Historischen Verein für die Saar-Gegend, der vor etwa 100 Jahren gegründet wurde und der in seiner 100-jährigen Arbeit wesentliche Grundlagen für die landesgeschichtliche Forschung in unserem Gebiet an der Mittleren Saar gelegt hat. In zahlreichen Veröffentlichungen hat dieser historische Verein in Saarbrücken wertvolles Material zutage gefördert, das für den Forscher auch heute noch unentbehrlich ist.
Aber es hat sich dann im Laufe der letzten etwa 80 Jahre gezeigt, dass die Aufgaben, die dieser Forschung gestellt sind und täglich von neuem gestellt werden, weit über die fachlichen und finanziellen Kräfte solcher auf freiwilligem Zusammenschluss behohenden Vereine hinausgehen. Die Fachwissenschaft, auch auf dem Gebiet der Geschichte und der Volksforschung, hat sich in den letzten 100 Jahren derartig spezialisiert und ihre wissenschaftliches Handwerkszeug und ihre Arbeitsmethoden wurden derartig verfeinert, dass die Möglichkeiten für ins große gehende wissenschaftliche Unternehmungen für diese Vereine heute kaum noch vorhanden sind. Es ist bedauerlich, aber es ist eben doch so, dass ernstzunehmende wissenschaftliche Wissenschaft auch auf diesem Gebiet fast nur noch von Fachleuten geleistet werden kann. Die Arbeit der Laien, die am Anfang des 19. Jahrhunderts diesen ganzen Bestrebungen den eigentlichen Aufschwung gab, spielt in der heutigen Fachwissenschaft nicht mehr die Rolle wie vor 100 Jahren. Das kann natürlich nicht bedeuten, dass diese Vereine heute keine Aufgabe mehr haben, sondern nur, dass diese Aufgaben andere Art geworden sind. Auch die Fachwissenschaft wird die Aufnahmebereitschaft und den Enthusiasmus der Laienwelt nicht entbehren können, wenn sie nicht ihren eigentlichen Sinn verlieren und im luftleeren Raum arbeiten will. Aber es ist eben doch so, dass die Aufgaben der reinen Forschung auf dem Gebiet der Landesgeschichte, des Volkstums, der Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte usw. eben doch im Wesentlichen nunmehr nur von Forschungsorganisationen durchgeführt werden können, wenn sie gegenüber den Leistungen, die anderswo getätigt werden, konkurrenzfähig bleiben wollen.
Diese Erkenntnis ist nicht neu und man hat ihr schon seit etwa 50 bis 70 Jahren alle Orten Rechnung getragen, in der Weise, dass die Landesregierungen in Deutschland vor allem in Organe der Provinziellen Selbstverwaltung sich diese Aufgabe angenommen und Anstalten und Institute gegründet haben, in denen aufgrund amtlichen Auftrages ein Kreis von eigens dazu bestellten und erprobten Fachleuten damit betraut wurde. Wir werden auch hier in unserem Lande, wenn wir unsere Verpflichtungen auf dem Gebiet der Kulturarbeit ernst nehmen wollen, nicht darum herumkommen, ebenfalls diesen Dingen unserer Sorge zuzuwenden und zu versuchen, auch unsererseits auf diesem Gebiet das Bestmögliche zu erstreben. Denn wir leben hier in einem Land, das trotz seiner Überflutung durch die moderne Industrie seit mehr als 2000 Jahren gesättigt ist von historischen Überlieferungen, die es gilt zu sammeln, zu erhalten und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Ein Anfang dazu wurde schon gemacht durch die Errichtung eines Landesdenkmalamtes, dessen erfolgreiches Wirken den meisten von ihnen sicher bekannt ist. Aber es muss noch mehr getan werden und das ist der Beweggrund, aus dem die saarländische Regierung sich entschlossen hat, im Geschäftsbereich des Ministeriums für Kultus, Unterricht und Volksbildung eine staatliche Stelle zu begründen, mit der Aufgabe, die Geschichte, einschließlich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie die Volkskunde unseres Landes wissenschaftlich und planmäßig zu erforschen und insbesondere die Quellen der Geschichte des Landes und Volkes in einer den Forderungen der Wissenschaft entsprechenden Weise herauszugeben. Außerdem soll diese Stelle, die sich Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung nennt, die pflegerische Betreuung des im Lande befindlichen nichtstaatlichen Archivgutes und der sonstigen schriftlichen Denkmäler der Landesgeschichte mit den dafür zu erteilenden staatlichen Vollmachten übernehmen. Diese Kommission ist durch Beschluss des Ministerrats vom 7. Juni des Jahres ins Leben getreten. Sie wird sich in ihrem Personalbestand zusammensetzen aus einer Anzahl von Fachvertretern unserer Universität, der saarländischen Schulen und Bibliotheken und sonstigen Spezialisten auf den gekennzeichneten Gebieten. Und sie wird außerdem Fachvertreter außerhalb unseres Landes zu ihren Arbeiten heranziehen und als Mitglieder aufnehmen. Die Zahl der Mitglieder wird aus den angeführten Gesichtspunkten natürlich sehr klein sein und kann die Zahl von insgesamt 20 bis 25 übersteigen. Natürlich werden sie alle ehrenamtlich tätig sein, denn die Geldmittel, die der Kommission zur Verfügung gestellt werden, sollen einzig und allein für die Durchführung ihrer Aufgaben, das heißt im Wesentlichen für Veröffentlichungen, verwendet werden. Die Mitglieder werden nicht durch freiwilligen Beitritt diese Mitgliedschaft erwerben, sondern sie werden durch Ernennung bzw. durch Wahl in die Kommission berufen werden.
Welche sind nun die Aufgaben, die sich dieser Forschungsstelle gestellt hat? Ich sagte eben schon, dass es sich darum handelt, Forschungen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Landes- und Volksforschung durchzuführen und insbesondere die Quellen zur Geschichte des Saarlandes durch einwandfreie Publikation der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Wenn wir dieses allgemeine Ziel in die Augen fassen, dann ergeben sich etwa als nächst liegende Aufgaben die folgenden:
1. Eine Bestandsaufnahme und Publikation der Saarländischen Gemeinde und Kirchenarchive. Es ist Ihnen ja allen bekannt, dass wir in diesen Archiven, die leider Gottes zum Teil heute nicht mehr in der Vollständigkeit erhalten sind, wie noch vor 15 Jahren, eine außerordentl ich wertvolle Quelle für die Bevölkerungssiedlungs- und Sozialgeschichte unseres Landes vor allem in den letzten Jahrhunderten besitzen. Wir werden daran gehen müssen, diese Quellen auf methodische Art und Weise, als das bis sie jetzt geschehen ist, der Forschung zugänglich zu machen, wie das in anderen Gebieten, ich denke da vor allem etwa an Westfalen, bereits in großem Umfang geschehen ist.
2. In der gleichen Weise wäre es erforderlich, auch die saarländischen Bau- und Kunstdenkmäler und die vorgeschichtlichen Denkmäler und Bodenfunde, soweit das noch nicht geschehen ist, in einer nach wissenschaftlichen Grundsätzen durchgeführten Arbeit weiterzuführen und zu ergänzen. Wir führen ja, wie Sie wissen, damit Arbeiten weiter, die an anderer Stelle, insbesondere durch die Gesellschaft für reinige Geschichtskunde und durch die Denkmalinventarisation der Rheinprovinz bereits seit langem begonnen sind, dort aber wie überall durch die Kriegsfolgen ins Stocken geraten sind.
3. Es erscheint mir notwendig, eine systematische und vollständige saarländische Bibliografie, das heißt eine Sammlung aller auf unser Land und seine Geschichte und sein Volkstum bezüglich Bücher, Aufsätze und Zeitungsartikel zusammenzustellen, so wie sie bereits vor 40 Jahren von Haslacher in seiner sehr guten Bibliografie über das Industriegebiet an der Saar oder etwa von in seiner Pfälzischen Bibliografie unternommen worden ist. Wir würden dadurch ein sehr wertvolles Hilfsmittel für all diejenigen schaffen, die auf dem Gebiet unserer Landesgeschichte arbeiten wollen.
4. Schließlich wären hier die Quellenveröffentlichungen im engeren Sinne zu nennen, die eine notwendige Aufgabe für unsere Forschung darstellt. Darunter verstehe ich zunächst einmal die urkundlichen Quellen im Allgemeinen, insbesondere für die mittelalterliche Geschichte unseres Landes, so wie sie etwa für das gesamte südliche Rheinland in dem großen Regestenwerk von Goerz oder für unser Saarland in dem saarländischen Regesten von Jung begonnen, aber noch nicht zu Ende geführt worden sind. Ich halte es für notwendig, diese Werke nach modernen Gesichtspunkten und auf einer verbreiterten Grundlage für die Landschaft an der Mittleren Saar neu zu bearbeiten, zu erweitern und sie bis an die Schwelle der Neuzeit vorzuführen.
Neben diesen allgemeinen Quellenwerken müsste man dann auch daran gehen, Quellenpublikationen über bestimmte Teilgebiete der Landes- und Volksforschung zu bearbeiten. So glaube ich etwa, dass es eine lohnende Aufgabe wäre, die Quellen zur Geschichte der Entwicklung des saarländischen Kohlenbergbaus und der saarländischen Eisenindustrie zu sammeln und weiterhin die Quellen der Geschichte und zur Rechtsgeschichte des saarländischen Bauernthums. Von anderen Veröffentlichungen, so etwa eines wissenschaftlichen Lexikons einer saarländischen Mundarten, weiter einer kartografischen Bearbeitung der saarländischen Siedlungs- und Territorialgeschichte, weiter etwa ein historisches Ortslexikon für das Saarland und so weiter und so weiter. Es wird vielleicht später möglich sein, Einzelheiten über solche Pläne zu diskutieren.
Die Ergebnisse aller dieser Arbeiten wurden also in Form von Einzelveröffentlichungen vielleicht auch in Form einer zu gründenden fachwissenschaftlichen Zeitschrift Hause zu bringen sein. Soweit ich die Dinge überschaue, könnten in etwa ein oder anderthalb Jahren bereits Ergebnisse dieser Arbeit vorgelegt werden.
Freilich ist dazu außerdem guten Willen und der Arbeitsfreudigkeit der Mitarbeiter noch etwas nötig, nämlich Geld. Die Regierung des Saarlandes hat durch das Kultusministerium Mittel für den Beginn der Arbeiten zur Verfügung gestellt. Aber diese Mittel werden doch wohl nicht ganz ausreichen, um die Forschungsarbeiten im großen Stil zu finanzieren. Wie das nötig sein wird, wenn wir mit den Nachbargebieten wissenschaftlich konkurrenzfähig bleiben wollen.
Wir hoffen daher, und ich möchte diesen Appell schon jetzt an alle richten, dass uns auch von privater Seite und dass uns vor allem von den Gemeinden und Gemeindeverbänden Beiträge für diese Arbeiten zur Verfügung gestellt werden. Wir sind freilich der Meinung, dass man zuerst etwas vorlegen soll, bevor man Beiträge einsammeln will. Und dies ist dann auch unsere Absicht.
Wir hoffen, dass in einem oder zwei Jahren einiges von dem, was ich Ihnen heute noch als geplant vorgelegt habe, bereits Wirklichkeit geworden ist.Und wir hoffen weiter, dass wir damit eine Arbeit leisten, die nicht nur den Fachkreisen, sondern unserem ganzen Gemeinwesen zugutekommen wird. Denn dieses Gemeinwesen ist aufgebaut nicht nur auf wirtschaftlichen Kräften und auf seiner politischen Situation, sondern es ist aufgebaut wesentlich auch auf seiner Geschichte. Und es kann auf die Dauer nicht gesund bleiben und sein Leben nicht erhalten, wenn es dieser seiner geschichtlichen Grundlage und seinem geschichtlichen Gesetz untreu wird. Das ist auch der Gedanke, der dieses neue Institut ins Leben gerufen hat und der seine Arbeiten leiten soll.

